Von Joachim Nawrocki

Was hat sich die DDR-Führung nur dabei gedacht, als sie die Umtauschsätze für Reisende in dringenden Familienangelegenheiten von höchstens siebzig auf schäbige fünfzehn Mark (zum Verhältnis eins zu eins) kürzte? Für Rentner war dies schon immer der Höchstsatz, der von DDR-Mark in Westgeld getauscht werden durfte – ein Handgeld, das allenfalls für die Fahrt zu den nächsten Verwandten reicht. Ein Staat, der sich zu den zehn größten Industrienationen rechnet, läßt seine Bürger nahezu mittellos reisen, allerdings immer mehr und immer großzügiger, und fraglos ist das viel besser, als wenn sie überhaupt nicht fahren dürften.

Warum nun aber diese Maßnahme, die der DDR nicht viel mehr bringt als eine schlechte Presse? Ein zwar immer noch kontrollierter, aber doch spürbar liberalisierter Reiseverkehr ließ die DDR als einen Staat erscheinen, dessen Führung selbstsicherer und entspannungswilliger geworden war. Nun fragt sich jeder, ob die DDR es nicht aushält, daß so viele ihrer Bürger sich ein eigenes Bild vom Westen machen können, oder ob es ihr wirtschaftlich so schlecht geht, daß sie den Reisenden das Taschengeld kürzen muß.

Ganz überraschend kam das freilich nicht: Die Maßnahmen der DDR waren westdeutschen Politikern schon vor Monaten als bevorstehend angedeutet worden. Es ist unwahrscheinlich, daß die DDR-Führung mit der Reduzierung des Umtauschs den Reiseverkehr von Ost nach West drosseln will, so wie sie mit der Erhöhung des Zwangsumtauschs für Westbesucher im Oktober 1980 die Reisen von West nach Ost erheblich behindert hat. Ein solches Ziel wäre auch administrativ zu erreichen gewesen. Die DDR hätte ihre seit einem Jahr zu beobachtende Großzügigkeit bei den Genehmigungsverfahren nur wieder auf das zurückführen brauchen, was eine Anordnung von 1972 regelt: Reisen in dringenden Familienangelegenheiten werden bei Geburten, Eheschließungen, lebensgefährlichen Erkrankungen und Sterbefällen genehmigt für Großeltern, Eltern, Kinder und Geschwister.

Als diese Maßstäbe noch eingehalten wurden, kamen nicht mehr als 60 000 DDR-Bürger jährlich in den Westen. Im letzten Jahr reisten nach Angaben von SED-Generalsekretär Honecker – die nicht bezweifelt werden, westliche Zählungen sind sehr ungenau – 573 000 DDR-Bürger in dringenden Familienangelegenheiten, und im laufenden Jahr sollen es, ebenfalls nach Honeckers Angaben, sogar 900 000 werden. Da kommen mittlerweile Großneffen zum 76. Geburtstag ihrer Schwiegeroma, und ob der Verwandtschaftsgrad und der genannte Anlaß auch echt sind, wird anscheinend kaum nachgeprüft. Es gibt sogar Berichte, wonach DDR-Bürger, die aus beruflichen Gründen eine Ausstellung in der Bundesrepublik besuchen wollen, die Empfehlung erhielten, ihren Reiseantrag mit einer dringenden Familienangelegenheit zu begründen.

Außer in dringenden Familienangelegenheiten kommen noch einige tausend DDR-Bürger in offizieller oder beruflicher Mission als "Reisekader" und rund 1,7 Millionen Rentner (1986, im laufenden Jahr werden es wohl 1,9 Millionen sein) in den Westen. Aber nur verhältnismäßig wenig DDR-Bürger bleiben nach solchen Reisen im Westen; Honecker selber nannte einmal eine Schwundquote von unter einem Prozent. Die Zahl der DDR-Flüchtlinge ist zwar um einiges, aber nicht proportional zur Ausweitung der Reisemöglichkeiten gestiegen: 1985 waren es 3484, im letzten Jahr 4660 und im ersten Halbjahr 1987 rund 2400 Menschen, von denen obendrein einige über Mauer und Stacheldraht und mehr noch übers Ausland kamen. Nach Besuchen in dringenden Familienangelegenheiten bleiben also nur ein paar Tausend hier; das kann die DDR wohl verkraften.

Problematischer scheint zu sein, daß viele Besucher zwar zurückkehren, aber dann, nachdem sie wissen, welche Möglichkeiten sie hier haben, einen Ausreiseantrag stellen. Wird er genehmigt, dann können sie Möbel und Hausrat mitnehmen. Doch die Zahl der Ausreisegenehmigungen haben die DDR-Behörden auch wieder in der Hand: In den letzten beiden Jahren waren es jeweils knapp 20 000, davor, 1984, als absoluter Höhepunkt, 34 982, und im ersten Halbjahr 1987 nur 4980; doch soll nach DDR-Hinweisen die Zahl von 20 000 wieder erreicht werden.