Von Michael Lüders

Das Jahr 1967 hat für die Länder des Vorderen Orients eine besondere Bedeutung. Die vernichtende arabische Niederlage gegen Israel im Juni-Krieg ist der Ausgangspunkt der „Re-lslamisierung“. Vom Westen übernommene Ordnungsmodelle, vor allem der Nationalismus, verloren mit der Niederlage ihre Bedeutung. Fundamentalistische Islamismen erhielten starken Zulauf – nunmehr aber auch, und darin liegt das entscheidende Novum der „Re-Islamisierung“, von den europäisierten Eliten. Nehmen wir an, diese Entwicklung setzt sich fort und die Führungsschichten der nahöstlichen Staaten wenden sich radikaler vom Westen ab. Ist dem islamischen Kulturkreis dann nicht für den Anschluß an die technisch-industrielle Moderne die soziale Basis entzogen

MOHAMMED ARKOUN: In der Neuzeit tut sich zwischen dem Westen und der islamischen Welt ein tiefer Graben auf. Der Westen wirft dem Orient grob verallgemeinernd einen „Mangel an Moderne“ vor. Man ist in den westlichen Gesellschaften davon überzeugt, daß man die Moderne erobert habe. Man besitzt sie. Man weiß mit ihr umzugehen. Gesellschaften-, die nicht in diese Selbsteinschätzung passen, gelten als spätentwickelt. Wenn ich „Westen“ sage, schließt das für mich die Sowjetunion mit ein, weil sie (in Hinblick auf die Moderne) dieselbe historische Evolution durchlaufen hat – eine Moderne im Sinn von: Industrialisierung, Urbanisierung, Naturbeherrschung zwecks Wirtschaftswachstum ohne Grenzen. Das vorweg, denn man muß sich zunächst einigen, ob dieses Verständnis von Moderne überhaupt Gültigkeit besitzt. Bevor man es auf eine andere Kultur übertragen will, in eine andere Welt exportieren will. Wir müssen uns fragen, ob der historische Entwicklungsgang der westlichen Gesellschaften den Bedürfnissen aller Menschen entspricht. Oder nicht vielleicht lediglich denjenigen Bedürfnissen entspricht, die sich im Westen herausgebildet haben und die sich vielleicht gar nicht auf dieselbe Weise in anderen Gesellschaften herausbilden.

Das vom Westen konstruierte historische Modell der Moderne unterscheidet sich von dem, was man das „islamische Modell“ nennen könnte, insofern, als die Muslime sagen: Die Religion ist ein notwendiges Element in der Evolution der Gesellschaften. Denn die Religion trägt in diese Evolution eine Wahrheit, die ewig ist, weil sie von Gott kommt; Religion und Staat – folglich Politik und Gesellschaft – sind nicht zu trennen. Sie sollen sich gemeinsam entwickeln. Diese Konzeption von din wa dawla (Staat und Religion als religiös begründetete gesellschaftliche Einheit) widerspricht diametral derjenigen, die sich im Westen unter dem Begriff Moderne herausgebildet hat.

Ist aber eine technisch-industriell geprägte Moderne in der Einheit von Religion und Gesellschaft denkbar?

ARKOUN: Die Konzeption von din wa dawla reflektiert nicht mehr als einen sozialen und kulturellen Zustand. Es gibt keine metaphysische Substanz im Innern des Islam, die die Modernisierung verhindert, wie manche Leute im Westen gern glauben. Die Religion ist auch nur ein Element unter anderen in der Kultur einer Gesellschaft. Was wir gegenwärtig in den islamischen Ländern erleben, und hier liegt das eigentliche Problem, ist, daß politische Gruppen die Macht übernehmen – in der Regel mit Gewalt – und sich dann der Religion als eines Instruments zur Legitimierung ihrer Herrschaft bedienen. Aber das hat nichts mit der Religion zu tun, daß heißt ihrem Wahrheitsgehalt. Hier geht es um soziale Kräfte, die die Religion gebrauchen und mißbrauchen, die eine Herrschaftsideologie etablieren. Die Gruppen, die in den islamischen Ländern, an der Macht sind, müssen dazu gebracht werden, die Religionsfreiheit, die Schreib- und Denkfreiheit zu garantieren. Darin liegt das entscheidende Moment. Das Entscheidende ist nicht, die Religion beiseite zu lassen und zu privatisieren.

Es scheint dennoch, daß der europäische Weg in die Moderne über Reformation, Aufklärung und industrielle Revolution verlief – auch wenn man sich streiten kann, ob nun die „protestantische Ethik“ den Wirtschaftsprozeß vorantrieb oder umgekehrt die wirtschaftliche Entwicklung das religiöse Bewußtsein prägte. Die Industrialisierung Europas ging einher mit der Trennung von Staat und Kirche.