Erinnern Sie sich noch an Erica Jongs Roman „Angst vorm Fliegen“? Anhand der abgeflachten Form der deutschen WC-Schüssel spekulierte die Psychoanalytikersgattin Isadora tiefsinnig, vielleicht gar treffend, über die deutsche Seele. Das Resümee jedoch schmerzt. Der Nationalcharakter unseres Volkes: engstirnig und selbstverliebt.

Vielleicht haben die Deutschen sich die amerikanische Kulturkritik zu Herzen genommen. Jedenfalls muß der Isadora-Stachel tief sitzen. Franzosen und Italiener weisen dem Reisenden ungerührt den Weg zum guten alten Stehklosett. In deutschen Hotels und Restaurants hingegen ist eine sanitäre Revolution im Gange, die selbst am biedersten Landgasthaus nicht vorbeigeht.

Der Gast öffnet die Tür mit dem Herzchen drauf – und wähnt sich im Meister-Proper-Paradies. Duftwolken, mehr Diorissimo als Fichtennadel, umschmeicheln ihn, Musik aus diskret angebrachten Lautsprechern erheben das Händewaschen zum Klangerlebnis. Kacheln, nicht mehr länger weiß und quadratisch, blinken rund und bunt, fünf- oder sechseckig, mit Dekor oder schlicht uni. Und die Spiegel erst! Kristall!! Wändeweise!!!

Nun geht ja nichts über ein bißchen Kultur. Auch in der Naßzelle. Nur ein Dorfdepp würde den Zeiten hinterherweinen, als noch ein schlaffes Frotteeläppchen am Haken baumelte und die Seife am Beckenrand glitschte. Apropos Seife. Da stehen Sie nun mit ihren aufgerollten Ärmeln. Ihr suchender Blick schweift über Marmortisch und, künstliche Palme. Seltsame Apparaturen bannen Ihre Augen. Allerdings ohne Gebrauchsanweisung, denn der Hersteller vertraut auf Ihre Intelligenz.

Nach und nach kommen Sie sich selbst vor wie ein Buschmann im Technik-Wunderland. Und Ihnen dämmert die Erkenntnis, daß diesmal der Zeitgeist mit Bravour über Sie hinweggetrampelt ist. Auch wenn Sie die Seife bald entdecken – danach suchen Sie das Wasser. Im stillen Örtchen selber haben Sie den verschämt angebrachten Fußdruckknopf noch verhältnismäßig schnell gefunden und nur kurz mit dem Automatismus für die hygienische Klobrillenhülle aus Plastik verwechselt.

Nun jedoch tasten Sie mit Ihren Seifenfingern die Kachelwand links und rechts vom Spiegel ab. Fehlanzeige. Sie klopfen, wo es hohl klingt. Krabbeln unter den Waschtisch und forschen nach einem Hebel.

Mittlerweile ist alles voller Flüssigseife. Unversehens geraten Sie mit dem Ärmel unter den Wasserhahn respektive eine Lichtschranke, und ein frischer, nasser Schwall platscht auf Ihren Blazer. Kochendheiß natürlich. Denn schließlich haben Sie den Temperaturfühler nicht umgestellt.

Und Sie beginnen nachzusinnen, was nur aus den Deutschen geworden ist. Früher waren wir doch vernünftig und ließen nichts auf Funktionalität kommen. Und was soll Isadora nun nur denken – von einem Volk, das nicht mehr zur Toilette geht? Sondern auf ein Gesamtkunstwerk. Uta van Steen