Am vergangenen Sonntag pilgerten Helmut Kohl und Jacques Chirac nach Reims, der Krönungsstätte der französischen Könige. In der mächtigen Kathedrale hatten vor 25 Jahren Konrad Adenauer und Charles de Gaulle einen Gottesdienst besucht und die deutsch-französische Aussöhnung feierlich besiegelt. So war es selbstverständlich, daß der Bundeskanzler und der französische Premierminister – der „Enkel Adenauers“ und der gaullistische Enkel – dieses Ereignisses gedachten. Anschließend fuhren sie nach Colombeyles-deux-Eglises, dem Landsitz des Generals, wo 1958 die erste Begegnung zwischen den zwei Staatsmännern Adenauer und de Gaulle stattgefunden hatte.

Mit Gedenkfeiern und symbolträchtigen Gesten, mal zeremoniell, mal ganz intim, wird seit einigen Jahren bewußt wieder deutsch-französische Politik gemacht. Willy Brandt und Georges Pompidou wie auch dem Paar Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing lagen solche Symbolik nicht. Aber Helmut Kohl und François Mitterrand haben mit ihrem langen Händedruck zu Verdun, mit ihren unzähligen Bekundungen der herzlichen Zweisamkeit und zelebrierten Freundschaft eine neue Tradition begründet, an der nun auch Jacques Chirac festhält.

Damit haben die Regierenden in Bonn und Paris Emotionen zu wecken versucht und Erwartungen hochgeschraubt. Wo der Kanzler und der Präsident (oder der Kanzler und der Premier) Politik fürs Gemüt machen, sich duzen, nach außen hin ein Herz und eine Seele sind, soll sich die Öffentlichkeit Wunder erhoffen. Die bleiben in der deutsch-französischen Zusammenarbeit freilich aus, aber die nächsten Zeremonien und Festakte stehen schon wieder an. Im Herbst kommt Präsident Mitterrand auf Staatsbesuch in die Bundesrepublik. Ende Januar wird in Paris der 25. Jahrestag des Elysee-Freundschaftsvertrages begangen; da werden die auswärtigen Ausschüsse beider Parlamente gemeinsam tagen, da soll eine Briefmarke herausgegeben, eventuell eine Wanderausstellung auf die Beine gestellt, ein de Gaulle-Adenauer-Preis gestiftet werden; überdies wollen beide Seiten ein Hochschulkollegium namhafter deutscher und französischer Persönlichkeiten und einen „Kulturrat“ einrichten.

Gestik kann die Politik unterstützen, aber nicht ersetzen. Die Fülle der deutsch-französischen Symbolik kann die politische Leere nicht auffüllen. Mit Gesten und fidelen Landpartien sollten Kohl, Mitterrand und Chirac um so sparsamer sein, als die deutsch-französische Zusammenarbeit derzeit schleppend vonstatten geht. Dem Kanzler und dem Präsidenten sind bislang kein großer Wurf gelungen, wie ihn Schmidt und Giscard d’Estaing mit dem Aufbau des Europäischen Währungssystems getan hatten. Und bis zu den französischen Präsidentenwahlen im Frühjahr 1988 sind unter dem Zeichen der Kohabitation ohnehin keine großen Durchbrüche zu erwarten.

Die Häufung von Gesten der innigen Freundschaft bestärkt aber die Deutschen und die Franzosen in ihrer Neigung, so hohe Ansprüche an die deutsch-französischen Beziehungen zu stellen, daß die Normalität der zwischenstaatlichen Krämereien und Kleinlichkeiten schwerlich akzeptiert wird. Beidseits des Rheins scheint das Volk viel wagemutiger als die Regierenden. So befürworteten zum Beispiel 53 Prozent der um ihre Meinung befragten Franzosen eine Fusion der eigenen Streitkräfte mit der Bundeswehr. Wo nun in der Öffentlichkeit Hoffnungen geweckt wurden, die nicht erfüllt werden können, aber nicht enttäuscht werden dürfen, suchen die Regierungen Zuflucht zur Symbolik: Statt einer deutsch-französischen Streitmacht schlug Helmut Kohl immerhin eine deutsch-französische Brigade vor.

Freilich kommt es nun darauf an, was aus dieser an und für sich reizvollen Idee gemacht wird. Steckt dahinter der Wille, die Brigade zur Keimzelle einer europäischen Streitmacht zu machen? Oder ist es lediglich ein Alibi, eine Attrappe, die eine Zeitlang das Publikum beglücken und die Fachleute beschäftigen oder gar vom Wesentlichen ablenken wird?

Symbolhandlungen sind mitunter reine Ersatzhandlungen. Trotz des feierlichen deutsch-französischen „Kulturgipfels“ verschlechtert sich die Lage des Deutschunterrichts in Frankreich und die des Französischunterrichts in der Bundesrepublik. Trotz des technologischen Projekts Eureka kommt die industrielle Zusammenarbeit nicht recht vom Fleck, wird Siemens von den Franzosen außen vor gelassen. Auch in der Rüstungskooperation läuft fast nichts mehr. Trotz des groß herausposaunten Stichjahres 1992 für die Entstehung eines wirklichen „gemeinsamen Markts“ führt die deutschfranzösische Kooperation auf dem vorrangigen Gebiet der Währungsintegration nicht weiter. Und leisten beide Staaten einen Beitrag für Europa, wie auf dem letzten EG-Gipfel, läßt der Kompromiß viele unzufrieden.