Die Zahl der Brüder und Schwestern, mit denen ein Mensch großgeworden ist, wirkt sich offenbar auch auf sein späteres Liebes- und Eheleben aus. So scheinen auffallend viele Menschen dazu zu neigen, sich einen Partner zu suchen, der mit der gleichen Geschwisterzahl aufgewachsen ist, wie sie selbst. Fest steht außerdem, daß aufeinanderfolgende Generationen, also Eltern, Kinder und Kindeskinder sehr häufig gleich viele Brüder und Schwestern hatten.

Dieses Phänomen ist vollkommen unabhängig von allen anderen Randbedingungen der Herkunft, wie der Psychologe Professor Arnold Langenmayr, Universität-Gesamthochschule Essen, im Rahmen seiner Studien zu den Folgen der Geschwisterzahl fand, über die er kürzlich in der Zeitschrift Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (Bd. 22) berichtet hat. Aus Befragungen geht zudem hervor, daß die Zahl der Kinder, die Studentinnen am liebsten selbst haben möchten, sehr stark mit der Zahl ihrer Geschwister übereinstimmt. Das trifft besonders dann zu, wie der Psychologe bemerkt, wenn die Betreffenden ihrer Familie gefühlsmäßig nahestehen.

Auf der anderen Seite leiden Menschen eher unter psychischen Beschwerden, wenn die Zahl ihrer eigenen Geschwister und die ihrer beiden Elternteile sehr voneinander abweichen. Man hat den Eindruck, schreibt Langenmayr, daß Kinder in ihrer Familie festumrissene Vorstellungen davon erwerben, welche Familiengröße wünschenswert ist, und daß sie lernen, mit einer bestimmten Zahl an Bezugspersonen auszukommen. Da solche Idealvorstellungen aber einen wichtigen Orientierungspunkt des menschlichen Zusammenlebens verkörpern, beeinflussen sie auch stark die spätere Partnerwahl.

Dieser Sachverhalt ist aber nur ein Beispiel für das in der Psychologie seit längerem bekannte „Similaritätsprinzip“: Im Sinne der Devise „Gleich und Gleich gesellt sich gerne“ fühlt man sich in Liebesangelegenheiten eher zu Personen hingezogen, die einem in verschiedenerlei Hinsicht ähnlich sind. Zu den Gemeinsamkeiten, die man bislang bei Eheleuten ermittelt hat, gehören so unscheinbare Übereinstimmungen wie die in der Größe des Ohrläppchens, aber auch auffallendere Ähnlichkeiten in Leibesumfang, Temperament, in verschiedenen Einstellungen und in der Intelligenz.

Um die Erklärung dieses Phänomens wetteifern zur Zeit Psychologen und Genetiker. Aus der Sicht der Psychologen schließt man Menschen „vom gleichen Schlag“ eher ins Herz, weil diese Zuneigung gefühlsmäßig befriedigender ist: Alles, was man dem anderen gibt, fällt auch auf einen selber zurück. Für die Genetiker aus der Schule der Soziobiologie steht dahinter das Bestreben, den Fortbestand der eigenen Gene in die nächsten Generationen zu sichern. Ehepartner, die einem ähnlich sind, so ihre Argumentation, haben auch mehr Gene mit einem gemein. Auf diese Weise zeugten die Betreffenden daher Nachkommen, die ihnen genetisch ähnlicher seien. Natürlich setzt dieser Gedankengang voraus, daß die Ähnlichkeiten, die Sympathie hervorrufen, zum Beispiel eben gleiche Geschwisterzahl, auch tatsächlich erblich bedingt sind. Die heutigen mangelhaften Kenntnisse über die Erblichkeit seelischer Eigenschaften erlauben aber noch keine Entscheidung darüber, ob diese Sichtweise zutreffend ist.

Rolf Degen