Von Horst Krüger

Kein Mensch in Westeuropa, vermute ich, kennt dieses Nest. Das schönste Dorf des deutschen Ostens, so will es mir scheinen. Ich will ihm ein kleines Denkmal setzen. Es war Deine Heimat, liebe Tante. Es ist auch ein Stückchen Heimat für mich. Fast jeder waschechte Berliner hat ja seine Ecke Ost, so ein Seelenpölsterchen Schlesien in sich. Soll ich es noch kitschiger sagen? Die Oder strömt ganz tief mit – im Blut.

Ich bin wieder da gewesen. Man muß in der DDR ins Oder-Spree-Gebiet fahren. Und wenn man einmal in Eisenhüttenstadt ist, das früher zu meiner Zeit noch Fürstenberg hieß, muß man nur etwas südlich fahren, Richtung Guben, das heute den schönen Zusatz „Wilhelm-Pieck-Stadt“ trägt. Man ist fast an der polnischen Grenze jetzt, aber nicht ganz. Dort, in einer sanften, vergessenen Hügellandschaft, die jenseits der Oder in die Grünberger Anbaugebiete der östlichsten Weinkultur führt, dort also ist Neuzelle gelegen. Es war so, als wäre ich als Junge mit meinen Eltern von Berlin gekommen. 1931 war das. Sommerzeit, Ferienzeit: wir fuhren dann nach Neuzelle zu Euch. Sommerfrische, sagte man damals.

Der Bahnhof steht noch wie früher. Wenn man dann die Straße zum Dorf hochfährt, ungefähr auf der Höhe, wo das Schützenhaus steht, taucht plötzlich am Horizont die Kirche auf. Doch was heißt Kirche? Von weitem sieht sie wie ein Schiff aus, das an der Oder liegt: das hohe Dach wie ein Segel, mächtig gebläht im Wind der Geschichte. Die Stiftskirche von Neuzelle ist eine herrliche Barockkirche, wie man sie so üppig, ja prunkvoll hier im Osten kaum kennt. Die Zisterzienser haben die frühe Klosterkirche aus dem 14. Jahrhundert nach dem Dreißigjährigen Krieg mit Hilfe italienischer und böhmischer Meister so herrlich ausgestaltet, daß sie heute genau wie Kloster Gnissau zu den wenigen Glanzpunkten des schlesischen Barocks gehört. Und sie liegt doch in der DDR, im Märkischen sozusagen. Winzige Reste vom alten Schlesien sind uns hier oben geblieben. Wer weiß das eigentlich?

Diese Kirche war der Traum meiner Kindheit. Es war ein erster Rausch der Sinne für mich. Ich war damals elf oder zwölf. Es drehte sich alles im Klosterschiff innen, für mich. Die Säulen drehten sich in marmornen Spiralen nach oben. Es tanzten die Engel und Putten ein seliges Ballett. Von schmerzdurchbohrten Heiligenkörpern brachen goldene Strahlen, verzückt. Es wogten auch mächtige Busen von stattlichen Damen auf Nebenaltären. Es war ein großes, frommes Barocktheater: das erste, das ich kennenlernte als Kind. Als Berliner Junge ist man ja nicht gerade verwöhnt im Kirchenbau. Ich kannte nur die falsche Romanik des preußischen Wilhelminismus: alles evangelisch und kalt. Neuzelle war warm und katholisch, für mich.

Noch heute erinnere ich mich an das Hochamt am Sonntag vormittag. Es wurde von mindestens drei Priestermönchen zelebriert. Die vielen Meßknaben dazu, weißrot, die ab und zu klingeln durften und viele Knickse machten, dahin und dorthin. Der Weihrauch ist mir in Erinnerung, der dann geschwenkt wurde, betäubend im Duft. Das schöne Opium fürs Volk. Dann fiel die Orgel ein. Mächtig und brausend hallte sie durch den hohen Raum. Und es durften dann zum Schluß in dieser Versammlung der Zisterziensermönche auch die einfachen Neuzeller laut mitsingen: „Meerstern, ich dich grüße! O Maria hilf!“

Liebe Tante! Es steht alles noch da wie früher. Die Klosterkirche Neuzelle „arbeitet“ noch, wie die Sowjets das nennen. Euer Dorf blieb, was es immer war: ein Wallfahrtsort für die wenigen verstreuten Katholiken der Niederlausitz. Du wirst es nicht glauben – sogar das alte Priesterseminar arbeitet noch, hier ganz am östlichen Rand des DDR-Sozialismus. Gut ein Dutzend junger Theologen wird im strengen Regelsystem der römischkatholischen Kirche auf das Priesteramt vorbereitet. Ich sah einige Zöglinge am Klosterteich wandeln. Solche Jugend imponiert mir, obwohl ich mit Kirche gar nichts zu tun habe. Erst FDJ und alle Grundlehren des Marxismus-Leninismus, dann das Gelöbnis für die Gottesmutter. Man spürt Nachbarschaft. In der Volksrepublik Polen ist das ja kein Widerspruch, aber hier? Ich fand das erstaunlich.