Es ist höchst befremdlich“, sagte der Bundespräsident und schaute verlegen vom Rednerpult in die Runde, „daß in unserer Gesellschaft Leistungen, die jedes Jahr annähernd zwei Milliarden Mark umfassen, von denen der Lebensunterhalt von 27 000 oder mehr Menschen abhängen .. ., in einem rechtsfreien Raum erfolgen.“ Das war am 1. Juni im Berliner Reichstagsgebäude bei der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins. Richard von Weizsäcker mag da an den Theatertod in seiner näheren Bonner Umgebung gedacht haben: Soll doch das angesehene „Musiktheater im Revier“ in Gelsenkirchen bis 1991 von 25 Millionen Mark auf 14,5 Millionen kaputtgespart werden.

Von solch präsidialer Hilfestellung können deutsche Bibliothekare nur träumen. Bei ihren Jahrestagungen (Verein der Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken, VBB in Wiesbaden; Deutscher Bibliothekartag in Augsburg) war von schlimmeren Sorgen die Rede – doch die Bücher-Menschen finden kaum Gehör, schon gar nicht bei Politikern, die ihnen von Jahr zu Jahr stärker den Geldhahn zudrehen.

Wenn Deutschlands (hochsubventionierte) Bauern meinen, die Regierung verwöhne sie nicht genug, laden sie den Landwirtschaftsminister von ihrer Jahrestagung aus – und im Bonner Hühnerhof gibt es Gegacker und Flügelschlagen. Wie sollen Theaterleute reagieren, denen in unserem reichen Land, in dem es für Oper und Schauspiel „keine gesicherte Rechtsposition“ (Weizsäcker) gibt, die Arbeit und Kunst garantierenden Beträge einfach gestrichen werden? Wie wollen gar die sympathisch ruhigen Hüter der Schätze deutscher Literatur protestieren, wenn ihnen die den Geldtopf bewachenden, ihn aber für eigene (Wahlkampf-) Ausgaben schamlos plündernden Parteien seit fast vierzig Jahren – in jedem Bundesland – ein Bibliothekengesetz verweigern? Und wir wollen uns, mit dem Blick auf ärmere, doch kulturell nicht so unterentwickelte Nachbar-Staaten Kulturnation nennen...

Da dröhnt es in der jüngsten „Empfehlung“ des Deutschen Städtetages: „Keine andere Kultur- und außerschulische Bildungseinrichtung kann einen so hohen Prozentsatz der Bevölkerung erreichen und erzielt eine so große Breitenwirkung hinsichtlich Alters- und Sozialstruktur ihrer Benutzer wie eine ausgebaute Öffentliche Bibliothek“.

Und die Wirklichkeit: Die Stadtbibliothek Koblenz führt Benutzergebühren ein (monatlich 10 Mark) – mit der Folge, daß statt 69 000 Ausleihern nur noch 27 000 kommen. In Hamburg wickeln Bibliothekare, Rentner, ausländische Mitbürger und Kinder die öffentliche Bücherhalle St. Pauli mit Papierfahnen und Bindfaden ein: „Wir können einpacken“ – der Etat im krisenträchtigen Stadtteil ist um fünfzig Prozent gekürzt worden. Der Direktor der Universitätsbibliothek Bayreuth verhängt einen Bestellstopp: Statt der (vom Staatsministerium als notwendig erkannten) rund fünf Millionen sind aus München nur 2,8 Millionen Mark überwiesen worden. Kleine Auswahl der täglichen Horror-Meldungen...

Der Minister für Wissenschaft und Kunst in Niedersachsen, Tönjes Cassens, nimmt wie alle politischen Schwadroneure im Februar bei der Einweihung der Jugendbücherei in Lüneburg den Mund voll: „richtungweisend“. Keine zwei Monate später billigt der Festredner einen – fatal richtungweisenden – Kabinettsbeschluß, der den Redakteuren der Fachzeitschrift Buch und Bibliothek „die Sprache verschlägt“: Alle vier Fachstellen für Öffentliche Bibliotheken bei den Bezirksregierungen im fast bankrotten Ernst-Albrecht-Land sollen geschlossen werden.

So betreiben Deutschlands – in doppeltem Sinn – Provinz-Politiker das Große Büchersterben. Dabei ist noch gar nicht die Rede von dem drohenden Unheil, von dem auf allen Bücherei-Tagungen nicht mehr geschwiegen werden konnte: Papierzerfall wird auch in Deutschland rund zehn Prozent der Bücher in Staub auflösen, die seit etwa 1850 auf säurehaltigem Papier gedruckt worden sind. Es wird Zeit, daß die Büchervernichter in Ministerien und Parlamenten dieses tödliche Problem der neunziger Jahre erkennen.

Rolf Michaelis