Zwei kraushaarige Knirpse warten am Rande der staubigen Piste. Der Geländewagen bremst. „Salama, Ibrahim, salama Monamed“, grüßt die Fahrerin. „Salama, Inga“, kommt es schüchtern zurück. Der blinde Ibrahim tastet sich vorsichtig am Auto entlang zur hinteren Tür. Mohamed, die gelähmten Beine geschient, hat bereits seine Krücken in den Wagen geworfen und versucht, sich mit eigener Kraft hineinzustemmen. Ein neuer Arbeitstag für die Kinder vom Rehabilitationszentrum Wajir beginnt.

Wajir ist eine Karawanenstation in der Wüste der Nordostregion Kenias. Ein Militärflughafen, eine Polizeistation, weiße Backsteinhäuser der Verwaltung, ein paar Dukas (Geschäfte), ein Krankenhaus, das 1944 von italienischen Kriegsgefangenen gebaut wurde, und zahllose Manyattas, Rundhütten aus Ziegenfell und Grasmatten, der somalischen Nomadenstämme der Ogaden, Ajuran, Degodir und Gare.

1971, im Jahr der großen Dürre und Hungersnot, bauten italienische Entwicklungshelfer, die hier als Lehrer arbeiteten, mit privaten Spenden ein Heim, in das sie behinderte, blinde und verwaiste Kinder aufnahmen. Das war der Kern des heutigen Children Rehabilitation Center Wajir. Es untersteht jetzt der katholischen Kirche und wird mit monatlich 5000 Mark von der Christoffel-Blindenmission unterhalten. Davon werden Essen, Kleidung, Medizin und Schulgeld für die 25 bis 30 Kinder, die täglich das Zentrum besuchen, und das Gehalt für die zehn örtlichen Angestellten bezahlt. Werden Behandlungsgerät, Werkzeug oder eine neue Pumpe benötigt, greift Ci-Bi-eM, wie der schwierige Name der Organisation hier vereinfacht wird, extra in die Tasche. Ci-Bi-eM bezahlt auch Inge, Krankengymnastin und Leiterin des Zentrums.

Es ist sechs Uhr früh. Ich habe Inge schon längere Zeit in der Küche hantieren hören. Der Muezzin hatte mich geweckt, und Esel und Hähne machten jeden Wiedereinschlafversuch illusorisch. Wir frühstücken unter der Dornakazie im Hof. Ein Oleander, eine Wüstenrose und die hier überall anzutreffenden rotblühenden Hundsgiftgewächse, unserem Fleißigen Lieschen ähnlich, versuchen in dem trockenen Lateritstaub den Eindruck eines Gartens zu vermitteln. „Frische Butter aus Nairobi“ bietet Inge stolz zum Toast. Für mich ist das nur eine Frage von zwei Flugstunden, für sie eine Zweitagesreise mit dem Geländewagen.

Noch ist es empfindlich kühl. Wir fahren mit Inges Landcruiser über die Sandpisten von und um Wajir und sammeln die Kinder ein. Sie warten bereits an der Straße mit Gehstützen, Krücken und Schienen, in blaukariertem Anzug die Jungen und in rosakariertem Kleid die Mädchen. Inge, seit sechs Jahren in Kenia, davor zwölf Jahre in der Schweiz, acht Jahre in den USA, zwei Jahre in Brasilien, Berlinerin, am Tegernsee aufgewachsen, ist doch irgendwie deutsch geblieben und stolz auf diese Ordnung und Pünktlichkeit.

Als wir zum Zentrum zurückkehren, zähle ich 19 Kinder im Fond unseres Autos. „Da passen noch mehr rein, heute sind es nur wenig“, meint Inge. Ein paar Kinder sind mit den wandernden Eltern unterwegs. Sie sollen den Kontakt nicht verlieren. Die meiste Zeit des Jahres jedoch leben sie bei seßhaften Verwandten in Wajir und können so das Zentrum regelmäßig besuchen.

Kaira, eine ältere Somalifrau, steht schon mit dem gesattelten „Alibi“ bereit. Mit Eselreiten beginnt die Arbeit. Der krankengymnastische Wert des Reitens ist heute unbestritten: Durch die rhythmischen Bewegungen des Tieres werden die Muskeln entspannt, das Gleichgewicht geübt, die Haltung von Kopf und Rumpf geschult und die Koordination der Hände und Füße verbessert. Durch den Umgang mit dem Tier erweitert sich das Erlebnisfeld des behinderten Kindes. Sein Selbstvertrauen wächst, und seine Gemeinschaftsfähigkeit wird durch die Anpassung an das fremde Wesen gefördert. Das Tier wird zum Erzieher.