Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juli

Der Himmel ist offen über dem Roten Platz, auch an diesem Abend. Die Basiliuskathedrale liegt im rötlichen Schein der erlöschenden Sonne. Der zu Ende gehende Tag hat wieder einige Aufregung am Fuße der Kremlmauer gebracht. Dreißig Tataren demonstrierten für ihr Recht, auf die Halbinsel Krim zurückkehren zu dürfen, von wo Stalin – dessen Taten heute aufgerechnet werden – sie nach Zentralasien hatte deportieren lassen. Die Demonstration ist unter einigem Gerangel aufgelöst worden. Bald schon konnten Milizionäre die schnell aufgestellten Sperrgitter entfernen. Sowjetbürger aus allen Teilen des Landes pilgerten und promenierten wieder zu Lenins Mausoleum.

Doch kurz nach 21.30 Uhr an diesem Montag entsteht noch einmal unvorhergesehene Bewegung. Ein Mann im schwarzen Einreiher, der Präsident der Bundesrepublik Deutschland, kommt über das blankgefegte Kopfsteinpflaster und will nur auf seine Weise demonstrieren – und nicht so, wie es die Photographen von ihm verlangen. Auch dieser Versuch wird schnell beendet. Es kommt zu Stößen, Knüffen, leicht verärgerten Wortwechseln.

Für Richard von Weizsäcker, der als junger Soldat in Rußland war, hat der Rote Platz eine andere Dimension als für jene Illustrierten, die ihn seit Wochen nur noch durch das Tiefflieger-Hirn des Mathias Rust sehen. Über den Roten Platz wankte und taumelte bei Stalins Siegesparade eine halb verhungerte, verführte, mitschuldige, geschundene Schar deutscher Kriegsgefangener: Richard von Weizsäckers Generation.

Doch die eingeflogenen .Photographen und Kamerateams haben eine sehr verengte Perspektive. Der vorwärtsdrängende Pulk versucht den Staatsgast aus Bonn herumzuschieben und so zu postieren, daß er genau zwischen Basiliuskathedrale und dem Landeplatz von Mathias Rust abzulichten ist. Weizsäcker weicht dem Manöver aus, bis er die Kremlmauer schützend im Rücken hat. Dort bietet ihm die Geschichte Zuflucht, die er genauer kennt und in die er sich vor dieser Reise noch einmal gewissenhafter eingearbeitet hat, als alle hohen Bonner Besucher vor ihm. „Wissen Sie“, meint er mit leisem Enthusiasmus in der Stimme, „ich habe heute zu Gromyko gesagt, daß die perestroijka ja auch Wurzeln bei Katharina der Großen hat.“

Wo und mit wem immer Richard von Weizsäcker über Gegenwart und Vergangenheit, über deutsche und russische Geschichte, über perestroijka und glasnost sprach – er präsentierte sich ohne jede Anstrengung und ohne falsches Schulterklopfen als der westliche Staatsmann mit dem tiefsten Verständnis und Einfühlungsvermögen für Gorbatschows historischen Versuch in der Sowjetunion. Turmhoch war er über jeden Verdacht erhaben, etwa diplomatische Abbitte für die Tolpatschigkeiten Helmut Kohls und für die Unbelehrsamkeit der Bonner Stahlhelm-Fraktion zu leisten. Der Präsident legte einfach nur Zeugnis ab für die andere Bundesrepublik, für alle jene Bürger, die ihre Geschichte nicht von neuem zu verdrängen versuchen – und die deshalb Gorbatschows dramatische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit voller Verständnis und Sympathie verfolgen.