Renate Genth, Joseph Hoppe: „Telephon!“

Endlich! Ein Buch über den Apparat, der unser Leben begleitet wie sonst nur noch das Auto. Renate Genth und Joseph Hoppe haben sich die Mühe gemacht, Fakten und Bilder über das wundersame Gerät Telephon zusammenzutragen. Mit Beispielen aus Romanen und Erzählungen, mit Filmphotos, Interviews und geschichtlichen Daten bietet ihre kleine Monographie „Telephon!“ (TRANSIT Buchverlag, Berlin 1986; 144 S., Abt., 34,– DM) eine anregende und unterhaltsame Kulturgeschichte – auch der Telephonsex wird nicht vergessen. „Welch eine vergnügliche Ironie der Epoche! In der materialistischsten aller Zeiten ziehen sich mehr und mehr Menschen auf die immaterielle Phantasie, auf die Imagination zurück.“ Liebe per Telephon? Geschmackssache. Aber Liebe zum Telephon! „Das Telephon ist eine magische Maschine, eine Sehnsuchtsmaschine, eine Intimitätsmaschine; es ist die akustische Haustür für jedermann, es ist der Draht, an dem wir süchtig, lustvoll und ärgerlich hängen.“ Keine kulturpessimistische Klage bietet das Buch, es ist eine Hommage. Liebevoll wird zitiert, was die Schriftsteller zu sagen haben: Proust und Tucholsky, Ingeborg Bachmann und Joyce Carol Oates. In einer Erzählung der Amerikanerin wird die Ambivalenz des Geräts spürbar: „Das Telephon klingelt plötzlich, und mein Mund wird trocken; ich laufe zum Telephon, ich bin beunruhigt, überlege ... tat jemand die falsche Nummer gewählt? Oder ist es jemand Bekanntes? Ist es jemand, der uns einladen will?“ Manche literarischen Beispiele sind den Autoren freilich entgangen. Fündig hätten sie noch werden können bei Kafka, Robert und Martin Walser, bei Hugo von Hofmannsthal, Jean Cocteau und vielen anderen – das mußte eine interessante Anthologie ergeben, wenn man einmal die Telephonanrufe in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts versammelte; übrigens gibt es auch in der Lyrik Beispiele. Der Band „Telephon!“ zitiert die schönsten Verse zum Thema – sie stammen aus dem Jahr 1884 und sind einer Bedienungsanleitung der Post entnommen: „Das laute Brüllen ist verwehrt, / Ein dünnes Flüstern gleich verkehrt, / Recht deutlich und fein accentuirt, / Wie wenn ein Mime Rede führt: / So sollte einzig und allein / Die Fernsprechunterhaltung sein“.

Volker Hage

Alison Lurie: „Liebe und Freundschaft“, Roman

Ein vielversprechender junger Universitätslehrer hat die ideale Ehefrau, er „konnte sich nicht einmal eine vorstellen, die ihm lieber gewesen wäre als seine. Jung, reich, schön, freundlich, wohlgeboren und wohlerzogen – als er zum ersten Mal gemerkt hatte, daß sie ihn mochte, hatte er an sein Glück kaum glauben können“. Aber weil das Glück gewöhnlich wird mit der Zeit, vernachlässigt er die Gute, sie langweilt sich, verliebt sich in einen anderen, will den Angetrauten verlassen, bleibt dann aber doch, wo sie ist, weil sie der Leidenschaft des Geliebten auf die Dauer auch nicht sicher sein könnte. Das ganze Liebesdrama spielt sich in einem traditionsreichen College ab, was für Nebenfiguren und Einblicke sowohl in den amerikanischen Lehrbetrieb als auch die Mentalität aufstrebender junger Wissenschaftler sorgt (aus dem Amerikanischen von Otto Bayer; Diogenes Verlag, Zürich 1987; 431 S., 36,– DM). Trotzdem hält diese langatmige Geschichte um die mäßigen Freuden und Leiden eines gewöhnlichen Ehebruchs nicht, was Alison Luries Roman „Affären“ (im letzten Jahr erschienen) versprach. Hier begegnet einem zwar auch wieder eine Gestalt mit Namen Fido, aber diesmal handelt es sich nicht um das imaginierte Selbstmitleid in Hundegestalt, sondern um einen uninteressanten Mann, der Männer liebt und trivialerweise einen Hundeblick hat. Schon deswegen ist der Roman eine Enttäuschung.

Manuela Reichardt

Don DeLillo: „Weißes Rauschen“, Roman