ZDF, Dienstag, 14. Juli, 22.55 Uhr: Das kleine Fernsehspiel: "45. Breitengrad" – Film von Attilio Concari

Wenn du daran glaubst", sagt Anna, während sie ins Wasser schaut, nachts, in der Ebene unterm Sternenhimmel, "wenn du fest daran glaubst, vermischt sich dein Blick mit der Strömung und fließt hinaus bis ins Meer." Einmal, am Ende, wird sie den Fluß hinuntertreiben in einem Boot, hinaus zum Meer, ihren Blick zu suchen. Und Thom wird oben auf der Brücke stehen und ihr nachsehen, und es wird sein wie in einem Film, an den man sich irgendwie zu erinnern glaubt und in dem man lieber leben möchte als dort, wo man leben muß.

Viele Augen blicken in diesen Film, auch die des Wassers, der Bäume, der Häuser mitten im Feld. Ein Photograph begegnet einer Landschaft, am fünfundvierzigsten Breitengrad, auf halbem Weg. 45° Parallelo, Meta Strada Polo Nord – Equatore steht auf einem Straßenschild. "45. Breitengrad" spielt in der Mitte: zwischen Nordpol und Äquator; zwischen Heimat und Fremde; zwischen den Geschichten, die es gibt, und denen, die man sich ausdenken kann.

Thom (Thom Hoffman), der Photograph, ist in die Poebene gekommen, um aufzunehmen, "was bald verschwinden wird", was in der Mitte zwischen Sein und Nichtsein ist. Fische etwa, die dicht gedrängt im Wassereimer nach Luft schnappen. Oder Birkenwäldchen, Kühltürme, Maisfelder, Nachmittage am Fluß. Und Gesichter in schwarzweiß, die bald ebenso verschwunden sein werden wie die Landschaft. Sie sind bilderscheu, sie fürchten den Blick des Objektivs, aber gerade deshalb entsteht, wenn sie in die Kamera schauen, ein wirkliches Bild, eines, in dem die Zeit stillsteht wie in den allerersten Daguerreotypien. Schauspieler drücken etwas aus; diese Alten aber drücken sich aus. Vielleicht wird es einmal nur noch Kinogesichter, Fernsehgesichter geben, die flächig geworden sind wie das Medium, lebende Bilder. "45. Breitengrad" spielt in der Zwischenzeit.

Am fünfundvierzigsten Breitengrad, in der Poebene, drehte De Sands "Bitterer Reis" und Visconti "Ossessione". Das Kino hat diesen Boden bereitet, und wenn sich Horn und die Kellnerin Anna gegenüberstehen, weiß die Kamera, was geschehen wird, wie es einst bei Visconti geschah. In Tunesien, erzählt Anna ihrem Freund, den sie verlassen wird, weil ihm sein Rennboot wichtiger ist, sitzen die Frauen in den Wüstenstädten und warten auf ihre Männer, die in Italien arbeiten. So will sie nicht warten. Im Kino hat sie ganz andere Geschichten erlebt. Wenn sie in den Sternenhimmel schaut, sieht sie im Bild des Orion das Signet des "Orion"-Filmverleihs. Am Wochenende läuft "Senso" in der Stadt. Da wird sie hingehen.

Sein Film, sagt Attilio Concari, ist ein treibendes Floß, eine Postkarte, die den Zuschauer fragt: Warum bist du nicht hier? Die Liebesgeschichte ist nur ein dünner Strudel in der Strömung, die Bilder fließen weiter, durch Anna und Thom hindurch. Man sieht vieles, das nicht dazugehört. Ein alter Mann steht im Garten mit einer riesigen Birne. Frauen singen Lieder auf den Feldern. Die Obsthaine schließen sich wie ein Fenster. Zwei Bäuerinnen baden eine junge Frau in Milch und reiben sie mit nassen Tüchern ab. Fische hängen am Köder. Im Gasthaus singt der Wirt den Gästen Verdi-Arien vor. Im Fernsehen wird eine Dokumentation über die amerikanische Pionierzeit gezeigt, aber die alten Frauen sind vor dem Gerät eingenickt. Jemand springt ins Wasser und ruft der Frau zu, die am Ufer sitzt: "Ich bin müde, verstehst du, müde." Die Bilder, sagt Thom, der Amerikaner, sind wahrer als das, was wir sehen. "Sie zeigen auch, was sein wird." Was wird geschehen, hier, am fünfundvierzigsten Breitengrad? Am Strand liegt ein Landstreicher und sieht mit einem Fernglas den Badenden zu. Worauf wartet er?

"Manchmal muß man die Augen schließen", sagt der Photograph. Manchmal muß man aufs Wasser schauen wie Anna, um endlich mitzutreiben in einem Film, der kein Ende hat, von der Ebene bis ins Meer. Andreas Kilb