Mit dem Fernziel „Einheitspartei“ versuchen Italiens Kommunisten und Sozialisten die gelähmte Innenpolitik Italiens und sich selbst in Bewegung zu bringen.

Während erst jetzt, vier Wochen nach den Neuwahlen, in Rom der Versuch einer Koalitions- und Regierungsbildung auf alten Gleisen in Gang gekommen ist, scheinen Gewinner und Verlierer auf neuen Wegen aufeinander zuzugehen: „Es ist offenkundig, daß für eine linke Alternative die sozialistische Partei 18 Prozent erreichen müßte, aber wenn sie nur auf Kosten der kommunistischen wächst und diese nur zum Schaden der sozialistischen wächst, dann werden wir keinen einzigen Schritt vorwärts machen“, sagt der 51jährige Achille Occhetto. Das ist der neue, in offener Kampfabstimmung vom Zentralkomitee der KPI gewählte Vizesekretär und mutmaßliche Nachfolger von Parteichef Natta. Und Occhetto fragt: „Wollen wir so noch einmal zehn Jahre unseres Lebens verlieren?“ Sein Gesprächspartner Claudio Martelli, der 43jährige „zweite Mann“ der Sozialisten, stimmt dem zu und spricht plötzlich sehr konkret von einer „gemeinsamen Perspektive“. Tut er das nur, um die Christdemokraten das Fürchten zu lehren und den Koalitionspreis in die Höhe zu treiben? Oder aber, weil es jetzt in beiden Parteien Gründe gibt, sich Illusionen abzuschminken?

Nicht zum vertraulichen, sondern zum öffentlichen Gespräch trafen sich Occhetto und Martelli diese Woche in der Redaktion des römischen Espresso: Der Kommunist als Vertreter einer Partei, die gerade 21 Parlamentssitze verloren hatte, ohne ihren Rang als zweitstärkste des Landes einzubüßen; der Sozialist als Sprecher einer Partei, die umgekehrt 21 Sitze gewonnen hatte und doch auf dem dritten Platz, in weitem Abstand von Kommunisten (177) und Christdemokraten (234) geblieben ist.

Jetzt verkündete Martelli mit Billigung seines Parteichefs Craxi nicht etwa das Ziel einer sozialistisch-kommunistischen Koalition im Parlament (für die es keinerlei Mehrheit gäbe), sondern einer „demokratischen Einheitspartei, einer Partei des Fortschritts, des Volkes, der Reformen, einer Partei, die sozialistisch, kommunistisch, grün, radikal und sozialdemokratisch sein wird“. Sein kommunistischer Kollege Occhetto stimmte ihm ohne Zögern zu: „Man muß für ein größeres Haus der italienischen Linken arbeiten.“ Auch Occhetto will nicht mehr wie sein Lehrmeister Berlinguer nach dem „dritten Weg“ zwischen einem liberalen und einem leninistischen Sozialismus Ausschau halten.

Revolution und Reformismus seien überholte „ideologische Fossilien’ des 19. Jahrhunderts, sagte Occhetto in einem Interview für sein Parteiblatt Unita, während Martelli sogar über die „nördliche Sozialdemokratie hinaus“ gelangen will. Beide scheinen zu ahnen, daß sie ideologisch ins Schwimmen geraten sind und wollen aus dieser Not eine Tugend machen, sprich: eine pragmatische Politik. Wäre aber dazu nicht vor allem eine klare Identität erforderlich? „Wir sind die kommunistische Partei – und das müßte genügen“, sagte Cossutta, einer der alten Dogmatiker bei der jüngsten dramatischen ZK-Sitzung der Kommunisten. Die meisten wissen, daß es längst nicht mehr genügt, wenn man eine Volkspartei in einer westlichen Demokratie sein will; viele Kommunisten aber fürchten, von den Sozialisten in deren Pokerspiel um die Macht nur benutzt zu werden. Oder ist es doch mehr als ein Spiel?

Die weitere Öffnung der kommunistischen Partei Italiens zur linken Mitte hin ist durch ihre Wahlniederlage beschleunigt worden, auch wenn die „Einheitspartei“ ebenso wie die „linke Regierungsalternative“ noch in weiter Ferne liegen – als Alptraum wie als Traum.

Hansjakob Stehle (Rom)