Am vergangenen Wochenende ging in Tokio eine Ära zu Ende: Fast die gesamte Hausmacht des mächtigsten Mannes der japanischen Nachkriegsgeschichte wurde abtrünnig.

Kakuei Tanaka, von dessen Plazet seit 15 Jahren in Tokio jede Kursänderung der japanischen Politik abhing, hat die Kontrolle der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) erheblich lockern müssen. Nicht freiwillig, versteht sich, obwohl der ehemalige Premierminister seit seinem Schlaganfall vor zweieinhalb Jahren als Kagemusha, als Schattengeneral der hohen Politik, weitgehend verhindert ist, noch aktiv mitzumischen.

Aber Tanaka hatte durch sein Geld und seine gefürchteten Methoden die im Parlament verbliebene Hausmacht seit seinem erzwungenen Rücktritt eng an sich angebunden. Mehr noch: Je stärker der bullige Selfmademan im Morast endloser Finanzskandale zu versinken schien, desto deutlicher wuchs sein Einfluß hinter den Kulissen. Tanakas Stern leuchtete eher heller, obwohl die Zweifel an seinem Charakter wuchsen: ein Räuberbaron, der es verstand, für die Seinen zu sorgen. Er ließ den simplen Ehrenkodex des feudalistischen Japan wieder auferstehen und trug ihn mitten ins Zentrum der Macht und in die Herzen vieler Wähler. Im Geiste dieses Kodex verlangte er von seinen Getreuen absolute Loyalität. 1976 stand Tanaka in Sachen Lockheed-Affäre vor Gericht und wurde 1983 in erster Instanz wegen passiver Bestechung (es ging um gut sechs Millionen Mark) verurteilt.

Für den Vollblutpolitiker, der mit dunklen Geldern ein Firmenimperium auf dem kriminellen japanischen Bau- und Immobilienmarkt zusammenraffte, wirkte sich das Verdikt eher imagefördernd aus. Der Mann, der Bestechung in Japans Politik hoffähig gemacht hatte, war sich selbst treu geblieben – und seine Anhänger ihm.

In seinem Wahlkreis Niigata errichtete der Freundeskreis des geächteten Gönners eine überlebensgroße Bronzestatue. Auch Premier Yasuhiro Nakasone verdankt Tanaka den Aufstieg ins höchste Amt des Staates. Weil sich dessen Amtszeit dem Ende nähert, pochte sein 69jähriger Förderer auf ein Gewohnheitsrecht: Er wollte bei der Bestimmung von Nakasones Erben ein gewichtiges Wort mitreden. Obwohl Tanaka aus der Partei aus- und als unabhängiger Abgeordneter auftrat, wachten seine treu ergebenen Mannen über den 141 Parlamentarier starken Parteiflügel der LPD. Der 77 Jahre alte Parteimatador Susumu Nikaido agierte als Tanakas loyaler Sachwalter, und mit Chefkabinettssekretär Masaharu Gotoda hatte er den Schlüsselposten in der Regierung besetzt.

Auch an einem Nachfolger für Nakasone fehlte es dem Clan nicht. Tanaka hatte den Ex-Finanzminister und heutigen LPD-Generalsekretär Noboru Takeshita über Jahre hinweg geschickt aufgebaut. Doch der 63jährige Adlatus wollte nicht auf den Segen von oben warten: Bereits im letzten Jahr versuchte er sich als Königsmörder – vergeblich. Vor zwei Monaten hatte Nikaido seine Kandidatur für das Erbe Nakasones angemeldet. Seither wußte Takeshita, daß er schnell handeln mußte. Am letzten Samstag fledderte er das Tanaka-Imperium gründlich. Mit doppeltem Erfolg: 113 Tanaka-Vasallen hören jetzt auf Takeshita; der Chef vergoldete den kollektiven Überlauf anläßlich seiner Inthronisierung durch eine Kollekte von 2,5 Millionen Mark. Die Ära Tanaka ist abgeschlossen, ihr Geist lebt weiter.

Hellmut Becker (Tokio)