Ich habe noch nie einen gesehen, der sich so über seine Richterstelle gefreut hat wie Dr. Hagemeyer“, sagte 1927 ein erstaunter Staatssekretär im Reichsjustizministerium. Dieser Dr. Hagemeyer war eine Frau, die erste Frau in Deutschland, die eine Robe tragen durfte. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften in Bonn mit anschließender Promotion arbeitete sie zunächst als Hilfskraft im Ministerium in Berlin, bis dann endlich am 11. Juli 1922 das „Gesetz über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege“ beschlossen wurde, mit Stimmenmehrheit der Sozialdemokraten und auf Druck der Frauenverbände.

Zu Beginn des Jahrhunderts mußten sich Frauen mit einem juristischen Studium begnügen, Promotion oder Assessorexamen waren für sie tabu. Manche gingen in die Schweiz, die Niederlande oder nach Frankreich. Dort konnten sie ihre Ausbildung mit Examen abschließen, dort gab es auch schon seit 1900 einige Anwältinnen. Zurück in Deutschland, gründeten sie Rechtsschutzstellen für Frauen oder arbeiteten als Beraterinnen in sozialen Einrichtungen. Denn zu tun gab es genug. Um 1900 noch durfte der Mann seine Ehefrau züchtigen, die Ehefrau hatte keinerlei Mitsprache- oder Entscheidungsrecht über ihre Kinder – dies sollte sich übrigens erst 1958 ändern –, und es dauerte ebenso lange, bis eine Frau selbst über ihre Berufstätigkeit entscheiden konnte.

Die erste Frau, die ihr Richteramt am Landgericht Bonn antrat, mußte allerdings einige Jahre warten. Während der Inflationszeit wurden wenige Prozesse geführt, da der Streitwert binnen weniger Tage auf Null gesunken sein konnte. Danach erst gab es an den Zivilgerichten wieder zu tun, und Maria Hagemeyer wurde als jüngste Kollegin vorgestellt. Sie erinnert sich, daß die Presse damals schrieb: „Dieser Richter ist jung und anmutig und hat nichts von steifer Amtswürde.“

Doch 1933 ordneten die Nazis an, alle Richterinnen zu entlassen, 1935 wurden auch keine Anwältinnen mehr geduldet. Hitler sah für die Frauen andere Aufgaben vor. So waren sie auch von der Unrechtsprechung des Nazi-Regimes ausgeschlossen und wurden nach Kriegsende von den Alliierten ohne Bedenken in den Justizdienst übernommen – vorausgesetzt, daß die Frauen selbst diese Unterbrechung überbrücken konnten.

Aber auch jetzt waren Frauen Lückenbüßer. Noch 1950 gab es in der vorläufigen Fassung des Beamtenrechts die sogenannte Zölibatsklausel: Frauen konnten wegen Heirat entlassen werden, da sie ja dann wirtschaftlich abgesichert seien. Auch lange Berufsjahre schützten sie nicht.

Juristinnen, die nach 1945 maßgeblich an der Erarbeitung des Grundgesetzes und der Überarbeitung des Bürgerlichen Gesetzbuches mitgewirkt haben, waren Maria Hagemeyer, Marie-Elisabeth Lüders, Elisabeth Seibert, Elisabeth Schwarzhaupt. Ohne sie gäbe es heute nicht den Artikel, der Frauen den Wehrdienst erspart, ohne sie gäbe es kein verändertes Güterrecht, das der Frau die Zugewinngemeinschaft ermöglicht, und ohne sie gäbe es schließlich nicht Artikel 117 im Grundgesetz: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.

Gleichberechtigt und fast genauso zahlreich wie die Männer studieren Frauen heutzutage Jura. Sie werden Anwältin und Amtsrichterin – doch am Bundesgerichtshof in Karlsruhe arbeiten 110 Richter, aber nur fünf Richterinnen. Die rote Robe der Bundesverfassungsrichter trug erstmals 1977 eine Frau, 1986 wurde eine zweite eingestellt.