Von Nikolaus Piper

Eigentlich hat Toni Beck nichts gegen seinen Kollegen und Parteifreund Ignaz Kiechle. Im Gegenteil – der Schweinezüchter aus Mittergolding bei Landshut, Vizepräsident des Bayerischen Bauernverbandes, Fraktionsvorsitzender der CSU im Bezirkstag Niederbayern und Mitglied des Senats, der zweiten Parlamentskammer im Freistaat, findet den gebeutelten Bundesernährungsminister sogar ausgesprochen sympathisch: „Was er anstrebt, ist im Prinzip gut.“

Und doch verpaßte Beck dem Minister einen der bittersten und folgenschwersten Nackenschläge in dessen über vierjähriger Amtszeit. Während des Deutschen Bauerntages in Aachen beantragte er am Donnerstag voriger Woche offiziell im Auftrag der bayerischen Bauernschaft, der Vorstand möge den Festredner Kiechle doch von der Abschlußkundgebung am folgenden Freitag ausladen. Zum Entsetzen von Verbandspräsident Constantin Freiherr Heereman stimmte eine breite Mehrheit für den Antrag und leitete damit den schwersten Streit zwischen organisierter Bauernschaft und Unionsparteien seit Jahrzehnten ein. Einen ähnlichen Eklat hatte es zuletzt vor dreißig Jahren gegeben. Damals hatten auf dem Bauerntag 1957 in Hannover die Landwirte Agrarminister Heinrich Lübke ausgeladen, um damit Adenauer zu zwingen, das Ressort mit einem ihnen genehmeren Mann zu besetzen.

Heute muß Ignaz Kiechle dafür büßen, daß er die Erwartungen, die die Bauern in ihn gesetzt hatten, bei den Agrarpreisverhandlungen in Brüssel nicht erfüllen konnte. „Die Leute haben es satt, Beschwichtigungsreden zu hören“, begründet Beck sein Vorgehen in Aachen. „Man kann doch nicht zehn Prozent Einkommensverlust für die Landwirte in Deutschland als großen Verhandlungserfolg verkaufen.“ Bei der Wut und Enttäuschung bleibt auch der Bundeskanzler nicht ungeschoren. Dieser habe beim Gipfel die deutschen den französischen Interessen untergeordnet. Fazit: „Der Bundeskanzler ist nicht der Diplomat, den wir uns an der Spitze unseres Vaterlandes wünschen.“

Zwei Monate vor der wichtigen Landtagswahl in Schleswig-Holstein ist die Stimmung unter den rund 730 000 Bauern der Bundesrepublik schlechter denn je. Karl Eigen, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein und Bundestagsabgeordneter der CDU im Wahlkreis Plön-Neumünster, bekannte öffentlich, auch er habe in Aachen für die Ausladung Kiechles gestimmt, und prophezeite, die Bauern würden seiner Partei am 13. September einen gewaltigen Denkzettel verpassen.

Sündenbock in der Vertrauenskrise zwischen der Union und ihrer ländlichen Stammwählerschaft ist Ignaz Kiechle. Das Bittere für den 57 Jahre alten Landwirt aus Kempten: Noch kein Agrarminister in der Geschichte der Bundesrepublik hat so wie er versucht, die Konzepte des Bauernverbandes in die Tagespolitik umzusetzen, keiner suchte so sehr den nahtlosen Schulterschluß mit dem Verband, wenige nur kämpften in Brüssel und Luxemburg so verbissen für die tatsächlichen oder vermeintlichen Interessen des deutschen Landvolks – oft auch unter Inkaufnahme einer gefährlichen Isolierung der Bundesrepublik innerhalb der EG. Und kein Minister hing so mit seiner Seele am Bauernverband, zu dessen Mitbegründern nach dem Krieg sein Vater gehörte.

Noch nie gab es so viele Subventionen wie heute: Rund 21 Milliarden Mark verschlingt die deutsche Agrarwirtschaft in diesem Jahr. Der Agrarhaushalt ist seit Kiechles Amtsantritt 1983 um 33 Prozent gestiegen – gut fünfmal schneller als die Gesamtausgaben des Bundes. Für 1988 ist noch einmal ein Zuwachs um knapp sieben Prozent auf 8,4 Milliarden-Mark vorgesehen.