Köln: „Faszination der Buchmalerei – Andachtsbücher des Mittelalters aus Privatbesitz“

In principio erat verbum, am Anfang war das Wort, das Bild? Die Welt in ihrer sichtbaren Erscheinung und das darüber sich wölbende Universum des Geistes und des Glaubens, vom Himmel auf die Erde herabgeholt und im Gewand der Symbole und vertrauten Zeichen die Illusion eines wirklich Seienden vorspiegelnd – so vereint mittelalterliche Buchmalerei das Irdische und das Überirdische. Zwei Pfeiler, dazwischen jenes Pergament, das Scriptoren und Miniatoren zu Codices im Dienste frommer Andacht verwandelten – Andacht, nach Kant, „die Stimmung des Gemüts zu Empfänglichkeit gottergebener Gesinnungen“. Doch auch sie bedurfte der deutenden, die Meditation beflügelnden Bilder, wie um den in der Dumpfheit des Denkens befangenen Christenmenschen aufzurütteln. Verführung der Augen, des Herzens zum Wort: Psalmen, Gebete, Heiligenmemoiren, Märtyrer-Viten, das Marienoffizium, Jugend- und Leidensgeschichte Christi, die gewaltigen, unfaßlichen Geschehnisse des Alten Testaments – aufgezeichnet in der einzig gültigen Sprache, dem Latein, selten in Mundart. Text- und Miniaturseiten wechseln, dekoriert mit Bordüren, Blatt- und Akanthusranken, Blüten und Früchten, die Rose als Emblem der Liebe und Mariensymbol, formelhaft wiederholte Architekturmotive, Fabeltiere, paradiesische Engelscharen – blühendes Leben umrahmt todbringende Geschehnisse. Und immer die Löwen des Königs David, der als Autor der Psalmen galt. – An die achtzig Andachtsbücher des 13. und 15. Jahrhunderts, deutscher, niederländischer, englischer und französischer Herkunft, illustrieren Phantasiespiele bei der visuellen Umsetzung des Transzendenten, eingefaßt in juwelenglühendes Kolorit; Gold, Amethyst, Hellgrün, Blau und Rot, gedämpft durch blasse Falter, bräunliche Raupen und Insekten – Igel und Hase neben Pfauen in byzantinischer Pracht. Makrokosmos aus Bibel und Legende, gespiegelt im Mikrokosmos gotisch-preziöser Feinpinseligkeit. Es bedarf keines Eco, der uns in die „fried- und freudevolle Werkstatt der Weisheit“ führt, wo neben Gottesbewußtsein erschreckende Diesseitigkeit lauert. Homo ludens, homo credens – der Gläubige selbst ein apokalyptisches Ungeheuer mit dem glühenden Herzen eines Cherubims und den sanften Händen des Henkers, der die Opfer des Fanatismus jenen Torturen auslieferte – Kreuz, Rost, Rad – die der Miniaturmaler in seinem unschuldigen Sadismus in die dornenkranzartige Initiale bettet – o Welt! O Mensch! (Schnütgen-Museum bis 9. August, Katalog 42 DM) Ursula Voß

Wichtige Ausstellungen

Düsseldorf: „Ulrich Rückriem – Skulpturen“ (Sammlung NRW bis 2. 8., Katalog 20 DM)

Frankfurt am Main: „Walter Pichler – Skulpturen, Zeichnungen, Modelle“ (Städel bis 30. 8., Katalog 35 DM)

Kassel: „documenta 8“ (Fridericianum, Orangerie, Innenstadt, Aue-Park u. a. bis 20. 9., Katalog 3 Bde. 90 DM)

Köln: „Per Kirkeby- Retrospektive“ (Museum Ludwig bis 16. 8., Katalog 32 DM)