Von Gerhard Seehase

Alles ist da: das alte Schleusenwärterhäuschen mit dem spitzen Giebel; das sanft-glucksende Wasser des Kanals; der Treidelpfad mit den vom Wind gebogenen Pappeln; der Frachtkahn am Ufer, der nur über ein schwankendes Brett zu erreichen ist. Und gleich, so meint man, müsse er nun selbst irgendwo auftauchen, der Pfeife rauchende Kommissar Maigret.

Es stimmt alles an diesem Bild. Vielleicht hätte Georges Simenon bei seiner Milieubeschreibung unser Schiff „MS Lorraine“ weggelassen: Es wäre ihm vermutlich zu modern gewesen. Andererseits ist unser Kahn dem französischen Rhein-Marne-Kanal so exakt angepaßt, daß er auf dem Weg nach Straßburg durch alle Schleusen und Brücken hindurchkommt, ohne anzuecken. Gleichwohl es manchmal nur um Zentimeter geht. Unser Schiff ist 38,5 Meter lang und fünf Meter breit. Die Schleusen messen von Tor zu Tor kaum 40 Meter, und wenn die „Lorraine“ die genormten Engpässe unter den Brücken passiert, bleibt nur noch eine Handbreit zwischen Boot und Mauer.

Wir sind über einen bequemen Laufsteg an Bord der „Lorraine“ gegangen, haben die fünfköpfige Crew begrüßt und die Männer beargwöhnt, die schon am Tisch sitzen und ihren Skat dreschen. Wir, das sind fünf Schweizer aus der Gegend von Zürich und ich, der Hamburger. Die anderen, sie sind eine frohe Stammtisch-Truppe aus der Gegend von Heidelberg. Einen Tag später werden wir erfahren, daß es unser kleines Schiff nicht gestattet, an verschiedenen Tischen zu sitzen. Wir finden zusammen, ob wir nun wollen oder nicht. Und am Schluß der Tour werden wir feststellen, wir haben uns gemocht.

Unser Schiff hat zwölf Kabinen, einen Speiseraum, eine Bar, einen sogenannten Salon. Am wichtigsten ist das Vorderschiff mit dem Sonnendeck, vorausgesetzt natürlich, die Sonne scheint.

Wir hatten Glück, die Sonne schien auf der dreitägigen Fahrt nach Straßburg so intensiv auf die Planken, daß die Heidelberger, die Züricher und der Hamburger auf der dreitägigen Fahrt nach Straßburg sogar das Mittagsschläfchen an Deck halten konnten. Aber das alles wußten wir ja noch nicht, als wir unser Schiff betraten, das am Kanal bei Gondrexange, einem kleinen lothringischen Ort, vertäut war. Nichts los in diesem Gondrexange, einer Eisenbahnstation, in der kein Zug mehr hält auf dem Weg zwischen Paris und Straßburg. Sie haben sogar zwischen den Gleisen und dem Bahnhofsgebäude ein Gitter gezogen, damit bloß niemand auf die Idee kommt, vielleicht doch noch auf einen Zug zu warten.

Unten am Kanal braucht kein Gitter gezogen zu werden. Hier kommt ohnehin keiner her, der mitgenommen werden will als Anhalter nach Paris oder nach Straßburg. Denn die Schiffe im Kanal bringen es höchstens auf sieben Stundenkilometer. Aber auch das nur, wenn es zwischen den Schleusen eine gerade Strecke von einigen hundert Metern gibt. Und die sind selten. Noch allerdings liegt die „Lorraine“ bewegungslos am Ufer von Gondrexange. Ich gehe den Treidelpfad entlang am Frachtkahn vorbei, der nur über ein Brett zu erreichen ist. Ein Mischling aus Rauhhaardackel und Pudel trabt vornweg, Madame kommt hinterher. „Bon soir“, sagt sie, als sie an mir vorbei muß. Ihr Blick ist fragend: Wie kommt denn der hierher? Wie schnell die Sonne untergeht. Eben noch hatte ich sie in voller Größe gesehen, und jetzt ist sie weg. In fünf Minuten. Statt dessen der Mond, aus dessen Sichel man ein Z, wie zunehmend, machen kann. Plötzlich wird es dunkel, fast übergangslos. Im Schleusenwärterhäuschen ist jetzt Licht.