Die Stunde Null – das war das zerstörte, verrarmte, zerbrochene Europa, das die Kriege Hitlers und der deutsche Zusammenbruch 1945 zurückließen. Max Kohnstamm zählte zu denen, die mit dem Leben davongekommen waren, aber ihre Jugend verloren hatten. 1914 in ein wohlhabendes jüdisch-holländisches Elternhaus geboren, 1940 – nach dem deutschen Einmarsch in den Niederlanden – in einem „polizeilichen Durchgangslager“ gequält, dann nach Kürze entlassen, zwei Jahre in einem „Geisellager“ festgehalten, wo Holländer mit ihrem Leben für das Wohlverhalten des Widerstandes bürgen sollten – das war seine Existenz bis 1944. Von der Zeit im Durchgangslager ist Kohnstamm auch heute noch innerlich gezeichnet: „Wer überlebt hat, wo andere starben, wird das Gefühl der Schuld nie mehr los.“ Zwei seiner Tanten sind in Auschwitz umgekommen.

Dennoch war Max Kohnstamm überzeugt, daß Europa nicht gegen, sondern nur mit den Deutschen gebaut werden kann. Sein europäisches Schlüsselerlebnis wurde der Schuman-Plan. Jean Monnet, der französische Plan-Kommissar und Vertraute des Außenministers Robert Schuman, hatte 1950 eine Lösung nach Kohnstamms Geschmack ersonnen: Die Kohle- und Stahlwirtschaft Europas, vor allem Frankreichs und der Bundesrepublik, sollte zusammengelegt und gemeinsam geordnet werden – von einer unabhängigen Hohen Behörde. Schuman bugsierte den Plan durch das französische Kabinett, holte die Zustimmung Adenauers ein und gab dem kühnen Unterfangen – dem ersten entscheidenden Anstoß für ein politisch geeintes Europa – seinen Namen.

Als Monnet 1952 Leiter der Hohen Behörde für Kohle und Stahl in Luxemburg wurde, zog Max Kohnstamm mit ihm. Der Mitarbeiter wurde zum engen Freund. „Das einzige Haus, von meinem eigenen abgesehen“, erinnert sich Kohnstamm, „in dem ich auch bei Dunkelheit weiß, wo die Lichtschalter sind, war das Haus von Jean Monnet.“ Der heute 72jährige ist Generalsekretär des überparteilichen „Aktionskomitees für Europa“, dem führende Politiker und Gewerkschaftler aus den zwölf Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft angehören; es soll die Verschmelzung der europäischen Volkswirtschaft erleichtern, aber auch den sicherheitspolitischen Zusammenschluß Westeuropas voranbringen. Unermüdlich wirbt Kohnstamm, ein Reisender in europäischer Vernunft, hinter den Kulissen für Konsens und Zukunftsperspektiven. Trotz vieler Rückschläge hat er Europa noch längst nicht aufgegeben.