J. S. Bach/Fritz Stiedry: „Die Kunst der Fuge“

„Die Barockmusik nicht allein Experten überlassen!“ meinte vor kurzem Italiens Star-Pianist Maurizio Pollini und hatte damit die Diskussion um die angeblich richtige oder falsche Art, Bach zu interpretieren, auf den Punkt gebracht. Puristen freilich werden noch immer über die dem Zeitgeschmack angepaßten Übertragungen Bachscher (Orgel-)Werke von Respighi bis Schönberg die Nase rümpfen. Daher dürften sie erst recht an die vorliegende, zutiefst romantisch aufgeputzte Plattenkonserve der Bearbeitung von Bachs summum opus durch den 1883 in Wien geborenen Fritz Stiedry keine Hörsekunde verschwenden. Wären sie offenen Geistes, könnten sie hingegen von dem Protegé Gustav Mahlers und Nachfolger Bruno Walters an der Städtischen Oper Berlin (von der er 1938 in die USA emigrierte) über dogmatische Prinzipientreue hinaus vieles lernen. Etwa die scheinbar simple Handwerklichkeit, mit der das zum Inbegriff gewordene Bündel von Fugen und kanonischen Veränderungen solistisch (mit zwei Konzertflügeln) und chorisch arrangiert und auch für den Durchschnittshörer konsumierbar gemacht ist. So komplikationslos wie von den Pianisten Klaus Hellwig und Thomas Weber sowie dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin unter Hans Zender hat man Bachs Gipfelwerk der Kontrapunktik zuvor nie gehört. (Schwann VMS 1636)

Peter Fuhrmann

William Boyce: „Acht Symphonien“

Er war Chorknabe an St. Paul, Organist an verschiedenen Londoner Kirchen, königlicher Vokalkomponist, wurde Doctor of Music in Cambridge, komponierte Bühnenmusiken zu Shakespeare und für das Drury Lane, avancierte zum Master of the King’s Music – aber seine Kompositionen erlitten den schnellen Tod von Tagesereignissen. Die „Eight Symphonys“, 1760 aus Ouvertüren von Caecilien-Oden oder Geburtstagskantaten, Pastoralopern oder Serenaden zusammengestellt, zählen zu dem Wenigen, das uns überliefert blieb. Dennoch lassen diese zwei- oder dreisätzigen Intraden erkennen, wie recht jene hatten, die Händels jüngeren Kollegen William Boyce (1711-79) zu seiner Zeit außerordentlich hoch schätzen: eben nicht nur die alltägliche Barock-Motivik, sondern raffiniert strukturierte Themen; eben nicht der Nähmaschinen-Einheitsrhythmus von kontrapunktischen Girlanden, sondern lebendige und überraschende Wechsel; eben nicht nur die Standardbesetzung von Streichern mit Oboen, sondern obligate Zusätze und farbige Einfügungen. Die Platte müßten alle Generalmusikdirektoren zum Amtsantritt erhalten – angenehmer und klüger, sinnvoller und interessanter kann man die Konzertprogramm-Routine nicht durchbrechen als mit diesen in der Regel nur sieben Minuten dauernden Eröffnungen – vorausgesetzt, sie werden so delikat gespielt wie hier vom English Concert unter Trevor Pinnock auf Originalinstrumenten. (DG 419 631) Heinz Josef Herbort

The Pat Brothers: „Nr. 1“

Paukenschlag, gepreßte Stimme, schräge Schlaggeräusche, es geht hart an. Allmählich beginnt der Rhythmus sich zu artikulieren, der Rock sich zu formulieren und den Hörer nun mächtig in die Musik hineinzuziehen, fast zu zerren, an die Stimme Linda Sharrocks heran, die ihren Text viel mehr rockt, als im hergebrachten Sinne singt: Sie gibt ihm „Körper“. Man ist auf Anhieb fasziniert von dieser unerhört kunstvoll komponierten, „zusammengefügten“, nach Art des Funk rhythmisierten, in oft seltsame Klangfarben versetzten hochdramatischen Musik, die sensible Zuhörer in eine geradezu herzklopfende Neugier versetzen kann. Die Neugier bleibt für den gewöhnlichen Käufer der Schallplatte freilich ungestillt, weil ihm auch nicht ein Text schriftlich mitgeteilt wird. Es ist mir schleierhaft, daß der Musikverlag uns genau das vorenthält, was die eigenartig ausdrucksvolle Musik doch (mit)begründet: diese zum Teil bewegenden lyrischen Erörterungen, die ja fast programmatisch „vertont“ werden: Ausweglosigkeit, verkaufte Liebe, politisch-religiöse Pervertierung, Daseinsüberlegungen, Liebeshoffnung. Diese sich keineswegs leutselig eröffnenden Gedichte werden von der im Gospelsong erfahrenen Linda Sharrock oft so intensiv in reine Musik verwandelt, daß die Botschaft (akustisch) unverstanden bleibt. Das macht den musikalischen Reichtum, vor allem die Originalität der kompositorischen Erfindung zu einer bloß noch ans Gefühl gerichteten eklektischen Übung. Und so wird die bisweilen an Janis Joplin erinnernde Sängerin zur bloßen Gesangs-Akrobatin, nicht zur Interpretin – wenn man nicht weiß, was ihre Leidenschaft so erregt. (Moers Music 02052 – Postfach 1612, 4230 Moers)