Christiane Oliviers originelle Studie

Von Hans-Martin Lohmann

Da kommt jemand aus der französischen Provinz, eine Frau, die mit einem ungewöhnlich aufregenden Buch beweist, daß die französischen Intellektuellen auch anders können als bloß simulieren, schwadronieren und rhetorisch brillieren. Die Psychoanalytikerin Christiane Olivier hat 1980 ein Buch veröffentlicht, das jetzt – endlich – auch in deutscher Übersetzung vorliegt, ein Buch, das die gespreizten lacanianischen Wortklaubereien zwischen Phallus und Signifikant, die in der französischen Psychoanalyse eine so verheerende Wirkung entfaltet haben, mit einem Schlag vergessen macht. Die Autorin stammt zwar aus dem Kreis um Lacan, aber sie hat sich offenbar rechtzeitig der Magie des eitlen „Meisters“ entziehen können, was ihrem Denken und Schreiben ausgesprochen gut bekommen ist. Denn dies ist zu allererst zu vermerken: Christiane Olivier hat ein Buch geschrieben, dessen Argumentation so schlüssig ist wie sein Stil klar – beides alles andere als selbstverständlich für die französische Psychoanalyse.

Der deutsche Untertitel gibt Intention und Inhalt des Buches nicht ganz korrekt wieder: Es geht nicht nur um „Die Psyche der Frau im Schatten der Mutter“, also um einen Beitrag zur Psychologie des Weiblichen, sondern genauso um die Psyche des Mannes im Schatten der Mutter, also um eine Deutung männlichen Fühlens und Verhaltens, eben um „Jokastes Kinder“, welche bekanntlich beiderlei Geschlechts sind.

Jokaste ist die bei Freud und seit Freud gleichsam falsch belichtete Person im ödipalen Drama, weshalb der Vater der Psychoanalyse, wie Christiane Olivier kritisch und mit Recht anmerkt, in seinen Versuchen, die weibliche Sexualität (und das aus ihr resultierende gesellschaftliche Schicksal) zu bestimmen, so spektakulär scheiterte. „Was will das Weib?“ fragte Freud einigermaßen ratlos am Ende seines Lebens.

Jedenfalls will es nicht, schreibt die Autorin, den fehlenden Penis; der angebliche Penisneid der Frau sei das Produkt männlicher Phantasien. „Wahr ist doch, daß der Mann um nichts ‚ganzer‘ ist als die Frau und daß er mit seinen verkümmerten Brüsten und seiner fehlenden Gebärmutter nur spärliche Reste von Weiblichkeit aufweist... Der Neid wäre somit nicht etwas spezifisch Weibliches, sondern er gehört zu beiden Geschlechtern und richtet sich auf die sexuellen Attribute des jeweils anderen.“

Indem Christiane Olivier den Ansatz Freuds als unhaltbar zurückweist, stößt sie zu einer Frage vor, die so naheliegend ist, wie sie offenbar bisher immer übersehen wurde: Was passiert mit dem kleinen Jungen, was passiert mit dem kleinen Mädchen, die beide der Gewalt Jokastes, der Mutter, ausgeliefert sind? Gibt es eine ödipale Symmetrie, oder muß man nicht vielmehr davon ausgehen, daß Junge und Mädchen ganz asymmetrischen Schicksalen unterworfen sind? Und könnte es nicht sein, daß die Asymmetrie der Beziehungsschicksale Mutter-Sohn und Mutter-Tochter eine Erklärung für den viel berufenen „Krieg der Geschlechter“ hergibt?