Hat Literatur die Kritik nötig? Das ist die Preisfrage. Fünftausend Mark kann gewinnen, wer am Essay-Wettbewerb der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ teilnimmt und die Frage auf 40 bis 60 Seiten beantwortet. Diese Glosse ist kürzer. Preisfragen der Darmstädter Akademie allerdings zeichnen sich dadurch aus, daß sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie gestellt werden, immer schon beantwortet sind, weil sie sich erledigt haben.

Die jetzige Preisfrage hat Hans Magnus Enzensberger erledigt, der im Dezember vergangenen Jahres in der Neuen Zürcher Zeitung einen heiteren Abgesang auf die Literaturkritik veröffentlicht hatte: „Daß der Kritiker keine Rolle mehr spielt, liegt auf der Hand. Er ist von der gesellschaftlichen Bühne abgetreten, weil er nicht mehr gebraucht wird.“ Enzensberger, Spezialist für intellektuelle Steilheiten, selber ein hochmögender Kritiker und einer von denen, deren Verschwinden er behauptet, hatte auch diesmal seine steile These mit Brillanz traktiert. Aber das Erstaunliche war: Niemand antwortete. Die totgesagten Kritiker stellten sich tot, und das literarische Leben, seit geraumer Zeit arm an Streit und Diskussion, regte sich nicht. Falls Enzensberger schlafende Schafe hatte wecken wollen (denn wo, in der Tat, sind die Hunde?), war ihm das gründlich mißlungen.

Jetzt aber ist einer aufgewacht, kein Schaf, sondern ein Fuchs, und der heißt Daniel Keel, Chef des Diogenes-Verlags in Zürich. In der Vorschau auf sein Herbstprogramm findet sich eine Doppelseite unter der Überschrift „Erfolgreiche Diogenes-Bücher im Spiegel der Fachpresse“. Abgebildet sind die Umschläge der Verlags-Bestseller von Friedrich Dürrenmatt bis Patrick Süskind und Patricia Highsmith, deren Auflagen in die Zehn- oder gar Hunderttausende gehen, darunter stehen die Verrisse bekannter Kritiker aus bekannten Zeitungen. Und schräg auf die Seite druckt Keel die kräftigsten Sätze aus der Kritikervernichtung von Enzensberger.

Keels höhnischer Triumph an die Adresse der Kritiker: Ihr habt meine Bücher verrissen, aber sie verkaufen sich trotzdem! ist nicht originell. Denn erfolgreiche Titel, von Simmel bis Konsalik, sind notorisch Gegenstand von Verrissen, weil es nämlich die Aufgabe der notorisch geschmähten Literaturkritik ist, nicht das ohnedies Erfolgreiche zu befördern, sondern zu sagen, was gut sei und was schlecht. Bekanntlich sind gute Bücher nicht immer erfolgreich und erfolgreiche nicht immer gut, was Keel, der sich dem Erfolg verschrieben hat, schmerzen muß und seinen Zorn auf die Kritiker erklären mag.

Originell an seiner Attacke jedoch ist etwas, was Keel sicherlich gar nicht begriffen hat: Er kündigt nämlich jenen Konsens auf, der einstmals zwischen Autoren, Verlegern und Kritikern bestanden hatte, die Hoffnung nämlich, daß die drei unfriedlichen Fraktionen in der Einsicht Frieden finden könnten, sie hätten eine gemeinsame Sache: die Literatur. Vielleicht war das ein fauler Frieden, vielleicht herrscht der kalte Krieg. Vielleicht funktioniert jene Abschreckung nicht mehr, als jeder damit drohen konnte, er werde das gemeinsame Boot zum Kentern bringen, vielleicht ist das Boot längst gekentert.

Angenommen, Keels Attacke wäre nicht bloß Ausdruck der neuen Dreistigkeit, Enzensbergers Essay nicht bloß polemisch und die Preisfrage der Akademie nicht bloß rhetorisch, dann stünde fest, daß Literatur die Kritik nicht nötig hat, und es gälte umgekehrt, daß auch die Kritik keineswegs die Literatur nötig hat, weil nämlich die Literatur lediglich ein Abfallprodukt der Kritik wäre, eine gewissermaßen unvermeidliche Nebenwirkung. Damit wäre das Kriegsbeil ausgegraben, und man müßte sehen, wer den längeren Atem hat. Aber hier gilt wie in der Politik: Abrüstungsvorschläge werden jederzeit wohlwollend geprüft.

Ulrich Greiner