Einmal im Jahr dürfen sie im Angesicht von Vorstand und Aufsichtsrat Fragen stellen, loben oder meckern – sonst haben Kleinaktionäre kaum etwas zu melden. Das gilt auch für den höchst seltenen Fall, daß sie auf Hauptversammlungen, den gesetzlich vorgeschriebenen Eigentümertreffen, einmal in Massen erscheinen. Denn wenn es keine Großaktionäre mit dicken Paketen und den dazugehörigen Stimmrechten gibt, die alles Wesentliche vorab unter sich ausmachen, sind da hierzulande immer noch die Banken, die mit den gebündelten Stimmen ihrer Depotkunden bei allen Beschlüssen den Ausschlag geben.

Eines allerdings können Kleinaktionäre: Noten der Zufriedenheit an Vorstände und Aufsichtsräte verteilen. Den Betroffenen ist dieses kleine Stück Aktionärsdemokratie oft ein Dorn im Auge, vor allem wenn sie schlecht dabei abschneiden.

Normal sind bei den großen deutschen Aktiengesellschaften Noten von eins oder besser, nicht selten kommt sogar 0,1 vor. Deshalb müssen die Zensuren, die Manager und Kontrolleure des Volkswagen-Konzerns vergangene Woche in der Wolfsburger Stadthalle vor fast 4000 Kleinaktionären erhielten, als alarmierender Ausdruck des Mißtrauens und der Unzufriedenheit gelten: Carl Horst Hahn, der Vorsitzende des Vorstands, bekam 1,83; das war nur wenig besser als die 1,85 für Peter Frerk, den Chef des Ressorts Revision, der von allen anwesenden Vorständen und Aufsichtsräten die schlechteste Note kassierte.

Auch das Kontrollgremium kam nicht gut weg: Der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Karl Gustav Ratjen wurde mit 1,45 zensiert, sein ebenfalls zum letztenmal amtierender Vize und frühere IG-Metall-Chef Hans Mayr sogar mit 1,59 verabschiedet.

Die schlechten Noten für die obersten Lenker beim größten Automobilhersteller Europas sind die Nein-Stimmen-Prozente zu Punkt drei und vier der Tagesordnung in der diesjährigen Hauptversammlung: Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat für das Geschäftsjahr 1986. Weil Entlastung soviel wie Billigung und Lob heißt, die Nicht-Entlastung dagegen Kritik und Protest bedeutet, könnte mancher auf die Idee kommen, daß mehr als 98 Prozent der Stimmen für die Entlastung einen hervorragenden Vertrauensbeweis für die VW-Spitze abgeben. Doch wer so urteilt, verkennt die deutsche Hauptversammlungswirklichkeit. Wenn Großaktionäre, die wie bei VW der Bund und das Land Niedersachsen, allein 40 Prozent des stimmberechtigten Kapitals halten, und Banken mit den Aktienpaketen ihrer Kunden gemeinsam im Sinne der Verwaltung abstimmen, bleiben für Opposition aus dem Fußvolk – den kleinen Anteilseignern – oft nur wenige Prozente an Protest-Potential übrig.

Die im Aktiengesetz vorgeschriebene Abstimmung über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat brachte denn auch im vergangenen Jahr, als es bei VW keine herausragenden Probleme und damit besondere Ansatzpunkte der Kritik gab, einen Normalwert von 99,86 Prozent Ja-Stimmen, also lediglich 0,14 Prozent, die gegen eine Entlastung waren. Wohlgemerkt: Rechtlich hat das ganze Procedere keine Bedeutung. Die Entlastung schließt auch nicht Schadenersatzansprüche gegen Manager oder Aufsichtsräte aus. Und niemals, so erinnerte sich vergangene Woche in Wolfsburg ein langjähriger, professioneller Aktionärsvertreter, sei bisher ein Vorstand oder Mitglied des Aufsichtsrats durch ein mehrheitliches Mißtrauensvotum der Anteilseigner in der Hauptversammlung aus Amt und Würden gejagt worden. „Trotzdem“, so steht es in einem Kommentar zum Aktiengesetz, „messen die Verwaltungen der Aktiengesellschaften der Entlastung im allgemeinen einen verhältnismäßig hohen Wert bei.“

Der Grund liegt auf der Hand: Es gibt wohl keine empfindlichere Anzeige für Stimmungen bei den Aktionären und Urteile über die Qualität der Unternehmensführung. Die nun gegenüber dem Vorjahr mehr als verzehnfachte Kleinaktionärs-Opposition beweist, daß der Autokonzern durch den spektakulären 473-Millionen-Mark-Verlust aus dubiosen Dollarspekulationen nicht nur einen finanziellen Schaden beinahe in Höhe eines Jahresgewinns erlitten hat. Im Wolfsburger Devisen-Casino, wo im vergangenen Jahr völlig losgelöst vom Autogeschäft hundert Milliarden Mark umgesetzt wurden, ging auch eine Menge Vertrauen der Aktionäre verloren.