Von Katharina Sieh-Burens

Mächtige Fördertürme, graue Bergarbeitersiedlungen, rußgeschwärzte Luft – das Ruhrgebiet kennt viele Klischees. Um so größer ist die Überraschung für den, der zum ersten Mal ins untere Ruhrtal kommt. Dem Erholungsuchenden bietet sich hier unverändert eine Idylle, von der schon 1828 der Düsseldorfer Kaufmann und Zeitungsherausgeber Johann Eerdinand Wilhelmi schrieb: „Alles, was eine heitere Landschaft zu schmücken vermag, ist hier in einem Bezirke von wenigen Stunden vereint anzutreffen: ein liebliches Tal, von heitern Bergen bekränzt, Ritterburgen und Ruinen, fruchtbare Fluren und duftende Wiesen.“

Kein Wunder, daß die Ruhr zwischen Essen und Mülheim Ausflugsziel Nummer eins für „das Revier“ ist. Vor allem an warmen Sommerwochenenden trifft man hier auf Scharen von Städtern, die mit der ganzen Familie unterwegs sind. Wer dann nicht am Ufer entlang fahren oder spazieren will, der kann während einer dreistündigen Fahrt von Bord eines Ausflugsdampfers der Weißen Flotte aus das Land erkunden.

Ganz nebenbei erfährt er, daß die Ruhrschifffahrt eine mehr als zweihundertjährige Tradition hat. Friedrich der Große ordnete 1776 den Bau von Schleusen und Wehren an, um den umschlagsfreien Gütertransport zu ermöglichen. Mit dem Aufkommen der billigeren und schnelleren Eisenbahn im 19. Jahrhundert waren allerdings die, Tage des Frachtverkehrs auf der Ruhr gezählt. Heute gehört der Fluß nur noch den Fahrgastschiffen der Städte Essen und Mülheim sowie den Freizeitsportlern.

Auf dem Essener Baldeneysee, dem seit den dreißiger Jahren gestauten Wasser der Ruhr, beginnen viele Ausflugsfahrten. Bei der Anlegestelle Kupferdreh war früh er ein Verladeplatz für Kohle aus den dicht am Fluß gelegenen Zechen. Daran erinnern heute nur noch die historische Hespertalbahn.

Der Baldeneysee erstreckt sich, dem alten Flußlauf folgend, in einer weiten Schleife von Kupferdreh bis Werden. Vor allem frühmorgens, wenn die meisten Boote noch an den Stegen liegen, ist er ein gutes Segelgebiet. Schon mancher Küstensegler hat erkennen müssen, daß sich auch im Binnenland erstklassige Reviere finden lassen. An den Anlegestellen herrscht Gedränge. Die für das Ruhrgebiet so typischen Trinkhallen, kleine Kioske mit Eis, Bier und Bonbons, fehlen hier nicht. In den Restaurants, Gartenlokalen und auf den Seeterrassen mit ihren altvertrauten Namen „Heimliche Liebe“, „Schwarze Lene“, Jagdhaus Schellenberg“ oder „Parkhaus Hügel“ sind schon Generationen von Großstädtern eingekehrt. Auf Fußwegen erreicht man Ausflugsziele wie die Ruine Isenburg, den Rittersitz Baldeney oder Haus Scheppen.

Hoch über dem See, in gepflegter Parklandschaft gelegen, erhebt sich mächtig und unübersehbar die Villa Hügel. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für Alfred Krupp als repräsentatives Domizil geschaffen, ist die Villa ohne Zeifel der imposanteste Bau eines Großindustriellen an der Ruhr. Weiter flußabwärts residierten um die Jahrhundertwende die Thyssens auf Schloß Landsberg, die Kirdorfs und Klöckners im Mülheimer Wald.