Von Mathias Greffrath

Wir verlassen die Innenstadt, wo wir ständig gegen Straßenmöbel aller Art, gegen Vitrinen, Skulpturen und Antiparkpoller prallen oder von Schulklassen und Sportlern umgerannt werden. Wir flüchten vor den Verfolgungen durch 207 Radfahrer, die für Renault, Yoko und Kekse aller Art Reklame fahren. Wir rennen, bis wir in der festivalfreien Zone ankommen.

Die beginnt kurz hinter 13° 23’ östlicher Länge. Kreuzberghat, vier Tage nach der ersten präventiven Zernierung des Stadtteils durch den Innensenator am 12. Juni, seinen Beitrag zur 750-Jahr-Feier der Stadt West-Berlin abgesagt: die Kreuzberger Woche findet nicht statt. Nun liegt Sonne auf den Straßen, und wer von Westen in diesen südländischsten aller Berliner Stadtteile kommt, der wird, kaum daß er es merkt, ganz von selbst langsamer. Es fahren mehr Fahrräder als Autos, und die Menschen benutzen die Straßen, als gehörten sie ihnen. Im Sozialatlas sind für alle einschlägigen Armuts-Indikatoren die Flächen schwarz schraffiert. Von den Höfen hört man Ballgeräusche und helle Frauenstimmen. Die Köter dösen. Die Kinder jagen einander mit bizarren Dreirädern und in vielen Sprachen über die breiten Bürgersteige. Die Menschen sind lebendig, manche sehen Maß aus. Aber keine Frau ist gekleidet wie die andere, und die Zahl der Bücherleser in den Cafés ist größer als weiter westlich. Aber auf so etwas achten die Volkszähler nicht.

Kreuzberg also feiert nicht mit; die Ausstellung in der „Desi“ ist die einzige offizielle Festivität. „Desi“, so heißt sie hier liebevoll, die „Desinfectionsanstalt I“ in der Ohlauer Straße. „Jugendgesundheitsdienst für Schüler, Di. und Fr. 13-14.30“ steht an der Einfahrt in den Hof mit Kopfsteinpflaster. Der Bär über dem Portal hat Füße wie eine Ratte. Von 1886 bis 1986 wurde hier alles desinfiziert, was in der Stadt so anfiel. 158 Vorgänge verzeichnet das „Hauptbuch für Pflichtdesinfektionen“ noch für den April 1956: 5 wg. Ungeziefer, 52 wg. Tuberkulose. Auf der einen Seite des Gebäudes lieferten Pferdewagen, später Lkws die von der Cholera, Typhus und Tbc (Proletarierkrankheit hieß die damals) infizierten „Effekten“ an, dann wurden sie mit Dampf desinfiziert und auf der anderen Seite des Hofes wieder ausgegeben. Dazwischen lag eine Mauer. Die reine und die unreine Seite. Die „Desi“, seit einem Jahr stillgelegt, ist ein Mahnmal für hundert Jahre Kreuzberger Sozialgeschichte. Zu Beginn kamen 86 Prozent der eingelieferten Matratzen und Wäschestücke von den „wohlhabenden Klassen“ – warum? Proletarier verloren, wenn sie die Armenkasse bemühten, ihr Wahlrecht.

Viele Reden hatte Dr. Ignaz Zadek halten müssen, bevor die unentgeltliche Desinfektion erkämpft war. Fünfzig Jahre hat der Sozialdemokrat gekämpft für bessere Wohnungen in Berlin, gegen Tbc-Erreger, für den Achtstundentag und mehr Verhütungswissen. Da steht er neben uns mit seinem weichen Filzhut und den melancholischen Augen, begleitet uns als Pappkamerad, gibt uns Aufklärung: über den Zusammenhang von Wohnen und Lohn und Gesundheit, über die Ansteckungsgefahr im Verdichtungsraum. Blickt uns über die Schulter, wenn wir schaudernd wie in Kindertagen vor dem Klodeckel stehen, durch den sich die Ratten gebissen haben; wenn wir den Werbetext der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung lesen: „Zyklon B verbindet die überragende Wirksamkeit der Blausäure mit der größten Einfachheit der Handhabung insbesondere bei der Vertilgung von Ungeziefer in Massenquartieren“; oder wenn wir vor dem türkischen Plakat stehen mit dem bunt gezeichneten Haus: „Anstalt zur Vernichtung der Läuse. Man geht schmutzig hinein und sauber heraus. In dem Gebäude ist ein Dampfraum und ein Baderaum.“ Können sie es also doch, bis zuletzt, geglaubt haben?

Ignaz Zadek ist 1931 gestorben, gerade noch rechtzeitig. Eine Straße hat man nicht nach ihm benannt. Mit der traurig schwarzen Pelerine und den hängenden Schultern wartet er auf unsere Reaktion, wenn wir von dem Ordnungsruf hören, den er vom Stadtverordnetenvorsteher bekam, weil er die Ärzte die „berufenen Anwälte der Armen“ nannte – das ging nun doch zu sehr in Richtung Imperatives Mandat. Wir blicken mit ihm in den Keller der Waldemarstraße 75, vierzehn Stufen unter der Erde. Mit kranken Augen und kaputter Lunge liegt der Mann im Bett. Davor spielen zwei Kinder auf der Erde, die Haare kurzgeschoren. Ihre beiden Geschwister sind vor kurzem gestorben. Weiter geht es, vorbei an skrofulösen Kindern und Formaldehydverdampfern, mit denen man die Wohnungen entseuchte, und an Blechkästen zur Tötung erkrankter Vögel mit Formalindampf. Wir entnehmen Präparaten, daß die deutsche Schabe klein, die orientalische mittelgroß und die amerikanische gigantisch ist; und wir lernen, daß man noch vor zwanzig Jahren auf 1190 Grundstücken in Kreuzberg Ratten gefunden hat, daß noch vor zwanzig Jahren im Durchschnitt über 26 Prozent der Wohnungen in Kreuzberg kein Bad und kein eigenes WC hatten, daß noch heute die Zahl der Tuberkulosefälle in Berlin doppelt so groß ist wie in Westdeutschland.

„Die besitzenden Klassen sind völlig unfähig, die Interessen der Gesamtheit zu vertreten“, sagte Ignaz Zadek 1892. Da die Infektionskrankheiten andererseits die Bezirksgrenzen nicht respektieren, geschah schließlich und nach vielem Druck einiges. Aber da der Staat immer nur Symptome bekämpft, wurde eben nur die kostenlose Desinfektion daraus. Die Zahl der Toten sank, die Ursachen blieben noch lange, und wir lesen, wie schwer es auch damals in SO 36 schon war, die Hausbesitzer zu Reparaturen zu bewegen.