Von Barbara Ungeheuer

Sie bringt die vergoldeten Mokkatäßchen, das Naschwerk in Silberschale, streichelt die beiden knurrenden Collies und fragt Tochter Lida, was sie sich zum Mittagessen wünscht. Beate Klarsfeld in einem blitzsauberen, hochpolierten Puppenhaus, voller verschnörkelter Stilmöbel à la française und venezianischen Grandezza-Szenen in Öl.

Ich denke an die vielen Zeitungsphotos, die ich in 19 Jahren von ihr gesammelt habe: Beate Klarsfeld bei ihrer Festnahme in Berlin, Beate Klarsfeld vor dem Kölner Untersuchungsgefängnis, Beate Klarsfeld in Ketten auf einer Gartenbank in La Paz oder, vor kurzem, mit Blumenbukett beim Barbie-Prozeß in Lyon.

Zu dieser Bilder-Collage will die mir gegenübersitzende perfekte Hausfrau nicht recht passen. Sie lächelt knapp, als ich ihr sage, nur zweimal in den beiden Jahrzehnten, die ich im Ausland verbracht habe, sei es vorgekommen, daß Menschen mir, als einer Deutschen, spontan die Hand geschüttelt hätten: in Paris 1968 nach der Ohrfeige, die sie dem Kanzler Kurt-Georg Kiesinger wegen seiner Nazi-Vergangenheit verabreichte, und später in New York nach Willy Brandts Kniefall am Mahnmal des Warschauer Gettos.

Sie weiß, daß diese beiden, bis heute in Deutschland noch immer umstrittenen Gesten im Ausland weit über die reine Symbolik hinaus Wirkung hatten. Durch den Akt dieses Backenstreichs begann sich das Deutschlandbild zu differenzieren. Eine junge deutsche Frau hatte das auch noch 20 Jahre nach Kriegsende weitverbreitete Bild der in Reih und Glied marschierenden deutschen Herde durcheinander gebracht.

Ihre Enttäuschung über die deutschen Studenten, die ihre Tat damals bejubelten, ist spürbar geblieben. "Leider konnte ich keine Mitstreiter gewinnen. Der 68er-Generation war die Dokumentensammelei viel zu mühselig, obwohl es die Voraussetzung dafür war, daß den inzwischen wieder zu Ehr’ und Gut gekommenen Schreibtischmördern der Prozeß gemacht werden konnte." Die Studenten hätten die Gesellschaft verändern wollen, ohne bereit gewesen zu sein, die notwendige Vorarbeit dafür zu leisten, meint Beate Klarsfeld. "Gegen den amerikanischen ,Faschismus‘ in Vietnam oder für die Rechte der Palästinenser zu demonstrieren war einfacher, als sich mit den eigenen Vätern auseinanderzusetzen. Es war leichter, die Väter zu verachten, als ihnen Rechenschaft und Sühne abzuverlangen."

Warum hat sie sich, die gebürtige Berlinerin und Tochter eines Wehrmachtsoldaten, die 1960 als unbedarftes Au-pair-Mädchen nach Paris kam, diese Mühe des Aufdeckens ungeahndeter Nazi-Verbrechen zur Lebensaufgabe gemacht? Sie zeigt auf das Photo ihrer verstorbenen französischen Schwiegermutter: "Ihren Mann haben die Deutschen in Auschwitz ermordet, aber die Verantwortlichen für die Deportation von 80 000 französischen Juden sollten straffrei unter uns leben dürfen. Das ist eine Verhöhnung der Opfer und ihrer Kinder." In dem Gesicht der 48jährigen, unter dem kurzgeschnittenen rötlichen Haar, scheint die Zeit erstarrt, ein Gesicht wie ein Schild, undurchlässig. Ihre Stimme klingt leidenschaftslos. Sie redet nicht gern, viel lieber holt sie aus dem Nebenzimmer und später in der Anwaltskanzlei ihres Mannes Serge Dokument auf Dokument – das Lebenswerk des Ehepaars Klarsfeld.