Von Bartholomäus Grill

Bei "Onkel Max" fließt schon lange kein Strom mehr. Im vergangenen Herbst, nach der Räumung einiger Wohnungen nebenan, wurde die zentrale Leitung gekappt. Statt Glühbirnen erhellen jetzt Petroleumlampen die Pinte an der Bernhard-Nocht-Straße. Sie verläuft parallel zur berühmt-berüchtigten Hafenstraße. Im Zwielicht der Funzeln wirkt der Raum beinah rustikal. Stammkunden süffeln Flaschenbier: Obdachlose, Strichmädchen, Trinker, Kids vom Kiez – St.-Pauli-Miljöh beim Dämmerschoppen. Doch "Onkel Max" ist nicht nur eine Tankstelle; hier tauschen Hausbesetzer, die sich in diesem Gebäude einnisteten, Informationen aus, in einem Hinterwinkel gibt’s Telephon, über den Tresen wird die Post verteilt. "Is ’n Brief für mich da?" fragt ein Mädchen im blaugrauen Overall den Schankkellner Kalle. "Nee, aber warte mal ..." – "Keine Zeit, muß Stahlträger schweißen." Spricht’s, huscht zur Tür, und weg ist sie.

Unten an der Hafenstraße, vis-à-vis der Docks, herrscht hektische Betriebsamkeit. In und um die ehemals besetzten und von der Abrißbirne bedrohten Gründerzeitbauten wird gearbeitet. Da surrt ein Flaschenzug, einige Leute verstauen Gummireifen, andere machen die Eingänge riegelfest, im Fachjargon: bullenfest. Ein Grüppchen rastet und schaut maurerstolz auf die Betonpoller vor den Gebäuden, auf jene armierten Steine des jüngsten Anstoßes. Die Hafenstraßler hatten sie sich vor die Tür gesetzt, um Räumfahrzeuge abzublocken. "Antifaschistischer Schutzwall" steht auf einem der Quader zu lesen. Auf einem anderen thront ein Blumenkasten.

Ingo von Münch, Chef der Hamburger FDP, regte diese Zierde an. Wenn überhaupt ein Politiker in der Hansestadt ein gewisses Ansehen bei den Leuten von der Hafenstraße genießt, dann ist er das. "Stadtsanierung in St.-Pauli-Süd" wird in der Elbmetropole als eines der Schlüsselthemen der seit acht Wochen laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen Sozialdemokraten und Liberalen gehandelt. Und der quirlige Professor machte sich in zähen Gesprächen immer wieder für eine vernünftige Lösung stark und plädierte dafür, dem "Polit-Mäzen" Jan Philipp Reemtsma die seit Oktober 1981 umstrittenen Miethäuser an der Hafenstraße und der Bernhard-Nocht-Straße zu verkaufen.

Am 12. Mai, just am Tag des Eisheiligen Pankratius, hatte der millionenschwere Erbe eines Tabakimperiums sich erboten, die Gebäude in bester städtebaulicher Lage zu erwerben. Nach persönlichen Unterredungen mit Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, nach mehreren hin- und hergeschobenen verklausulierten Vertragsentwürfen, nach Bedenkzeiten, Rückzügen und Ultimaten nahm Reemtsma sein Angebot am 8. Juli zurück. Zu konträr waren offensichtlich die Ansichten innerhalb der SPD, zu allein stand Ingo von Münch unter den Seinen, zu ungeduldig verhielt sich der Mäzen, um den schleppenden Verlauf der Verhandlungen zwischen den unter Einigungszwang stehenden Wahlsiegern vom 17. Mai gelassen zu verfolgen: Wenn Mühlsteine klemmen, mahlt sich’s schlecht. "Der Vorschlag war eine große Chance" – Ingo von Münch wurmt, daß es nicht geklappt hat, den Konflikt auf privatkapitalistische Weise zu "entstaatlichen".

Zigarettenpause auf der Balduintreppe. "Uns ist es egal, was die im Senat auskungeln. Die Häuser gehören sowieso uns", kommentiert ein etwa 30jähriger Vertreter der Hafenstraße. Die 100 bis 150 Leute, die in den heruntergekommenen Bauten ein- und ausgehen – wie viele es genau sind, wissen weder Beteiligte noch Verfassungsschützer zu sagen –, kehren heimlich in die geräumten Wohnungen zurück, igeln sich ein und mißtrauen jedem. Die Parole heißt: Schotten dicht und warten auf die Staatsmacht. Der Rest ist Frust – Tribut an den Räumungsdruck. In der "Volxküche", einem mit "Staatlich anerkannter Unruheherd" beschilderten Kommunikationszentrum der Szene, sind die Fenster abenteuerlich verdrahtet und vergittert. Ansonsten hat sich nicht viel geändert, seit die städtische Wohnungsgesellschaft Saga, die Eigentümerin der Objekte, im Oktober 1986 unter dem Schutz von Polizeihundertschaften einige Wohnungen räumen ließ.

Unterdessen ist viel giftiges Wasser die Elbe hinuntergeflossen. Es gab wohlmeinende Prominentenaufrufe, Solidaritätsdemos, Initiativkreise, Vermittlungsausschüsse und Unterstützung durch GAL-Abgeordnete, Jusos und DKP’ler, viel böses Blut in der Lokalpresse, Ratlosigkeit im Rathaus und engagierte Kirchengemeinden, die eine Lanze für die "Chaoten" brachen. Allein, nichts ging mehr in der Hafenmeile, unversöhnlich standen sich die Lager seit dem Krach im Vorjahr gegenüber. Ein unangenehmes, aber kleines Problem wurde zum großen Politikum, weil die Verantwortlichen nicht wußten, was sie wollten, oder vor Wahlen auf das linke Protestpotential schielten. Der Opportunismus fordert jetzt seinen Preis.