Von Martin Ahrends

Es ist ein Gemisch aus Brahms’ Erster Sinfonie und Maschinengewehrrattern. Beides verhalten. Der Brahms dringt aus dem Elternzimmer im Parterre gedämpft zu dem Einschlafenden hinauf, das Maschinengewehr tönt irgendwo vom nahen Wald her durch’s geöffnete Fenster herein. Das Maschinengewehr ist eher beruhigend. Das sind die Amis auf ihrem Übungsplatz im Grunewald oder es ist an einem entfernteren Abschnitt der Grenze, jedenfalls alltäglich. Der Brahms ist auch nicht nur ausnahmsweise zu hören, doch er ist alles andere als beruhigend. Man kann nicht einschlafen, man wälzt sich, man quält sich – womit?

2. Es ist die erste Begegnung mit der sächsischen Mundart, als man gegenüber die Grenzerkaserne eingerichtet hat. "Lienks-Üm!", "Ke-rateh... aus!" Alberne rotbackige Jungs, die mit ihren schweren Stiefeln übers Pflaster latschen. Sich entfernender, sich nähernder Gleichschritt: "Auf, äuf züm Gampf, zum Gampf!/Züm Gampf sin mir gebören/... Dem Garl Liebknecht,/dem haben mirs geschwören./Der Rösa Lüksemburg/reischen mir die Hand!" Aber nichts Bedrohliches, man kennt sich, man grüßt sogar aus der Marschkolonne heraus. Es ist wirklich so: Die ganze Kaserne kommandiert, flucht, lacht auf sächsisch. Es ist ein bißchen komisch und sonst gar nichts.

3. Es ist das Echo am Grenzschild, dreißig Meter vor der Mauer. Die Mutter ruft Texte hinüber wie von Glückwunschpostkarten. Alles Gute. Drüben die Muhme auf dem Podest hinterm Schutzwall wirft dieselben Texte zurück. Ihre dünne Stimme ist fremd, nichts von dem, was von ihr in Erinnerung war. Was da steht hinter dem Wall ist ein albernes Echo.

4. Es ist das Rascheln von Apfelsinenpapieren, man wird sie sich an die Wände kleben. Es sind Palmen darauf, Apfelsinenplantagen und das Meer in der südlichen Sonne. Die Muhme schickt Obst, daß man gesund bleibt, und sie schickt Sehnsüchte, an denen man krank wird. Manchmal liegen Zeitungsausschnitte zwischen dem Obst, selbstgefertigte Mappen über Berliner Größen, über die große Berliner Zeit, da die Muhme noch Kind war. Aufsätze von Furtwängler, Brahms-Briefe an Clara Schumann. In ihren notierten Erinnerungen an Joseph Joachim und Edwin Fischer versucht sie Ehrfurcht zu wecken und erntet nur nachsichtiges Lächeln. Verflogene Klänge, Philharmoniekonzerte von damals. Programmhefte schickt sie, als wäre das der Beweis. Immer will sie etwas beweisen, was nicht mehr beweisbar ist.

5. Es ist ein Himmel voller verklungener Konzerte. Die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler. Der nurmehr belächelte Anspruch von Größe.

6. Es sind die gleichmäßigen Schienenstöße im rollenden "Sputnik", jenem Vorortzug, der nach dem Mauerbau eingerichtet wurde, um die Osthälfte der Stadt mit dem Umland der Westhälfte zu verbinden. Der Zug beschreibt einen Halbkreis, sein Hin und Her gleicht dem Pendel einer Uhr. Es ist ein ruhiger, gleichmäßiger Puls, den das Pendeln der Züge gibt, wie der Puls eines Schlafenden. Wer täglich vier Stunden mit diesem Zug um die verbotene Hälfte herumpendeln muß, hat sich längst gewöhnt, im "Sputnik" zu schlafen. Der Sputnik, der Halbkreis, das Pendel ist Heimat geworden. Man weiß: Es wird nicht bleiben, wie es ist, doch im Moment ist nichts zu machen. Man muß im Zug ausharren, bis der früher oder später ankommt. Zeit ist vorläufige Zeit, die man verdösen darf.