Die Kremlführung konnte dem Bundespräsidenten kaum konkrete Absichten präsentieren

Von Christian Schmidt-Häuer

Hoch klingt das Lied vom braven Mann. Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat mit seiner sechstägigen Reise durch die Sowjetunion für Frieden gesorgt – für Frieden jedenfalls an der deutschen Heimatfront. Selbst die Heckenschützen signalisierten dem Staatsoberhaupt Zeichen der Versöhnlichkeit. Alfred Dregger dankte seinem Parteifreund für „die Würde und Selbstachtung“, mit der er die Belange der deutschen Nation vertreten habe (Tass und Prawda, die Weizsäckers Tischrede zusammengestrichen hatten, machten Dregger den patriotischen Schulterschluß allerdings auch leichter). Der Kanzler, schon auf dem Sprung zu Moskaus chinesischer Konkurrenz, ließ sich diesmal durch nichts verdrießen und zu keinen Verschlimmbesserungen verleiten. Er pries „Würde und Autorität“ des Rußlandfahrers, dessen Mission zu einem Meilenstein auf dem Wege der Verständigung geführt habe. Jochen Vogel, der SPD-Vorsitzende, beehrte sich gar, die „geistige Kohabitation“ der Opposition mit dem Bundespräsidenten anzuzeigen.

Richard von Weizsäckers Würde scheint Wunder bewirkt zu haben. Unmögliches, zu dem sich Bonner und bayerische Unions-Christen in den vergangenen Monaten verstiegen, hat er bis auf weiteres erledigt. Die Wende freilich in den deutsch-sowjetischen Beziehungen, sie wird noch etwas länger dauern. Was Weizsäckers Visite wirklich erbracht hat, wollen die meisten Beobachter nicht genau erkennen können. Die neuen sowjetischen Vorstellungen erscheinen ihnen eher in diffusem Licht als in differenzierter Ausleuchtung.

Genauer besehen ist indessen wenig faul an den sowjetischen Offerten, vieles aber noch unreif. Wer bei dieser Angebotslage den Stellenwert der künftigen Beziehungen zwischen Bonn und Moskau abschätzen will, muß sich von der deutschen Nabelschau der vergangenen Tage lösen. Das ist gar nicht so einfach. Denn in der Tat verführt das deutsch-sowjetische Verhältnis immer wieder zu isolierter Selbstsicht. Es übertrifft andere Beziehungen – wie es der Bundespräsident auf seiner Moskauer Pressekonferenz in kluger Vereinfachung ausdrückte – durch besondere Empfindsamkeiten einerseits und positive Erwartungen andererseits. Die Bundesrepublik und die Sowjetunion verlangen viel, oft zu viel voneinander.

Gorbatschow verlangt indessen nicht mehr das gleiche wie seine Vorgänger – und eben das hat Richard von Weizsäcker früher als andere verstanden und jetzt in Moskau für seine schwierige Mission nutzen können. Was will Gorbatschow? Er fordert die Welt auf zu glauben, daß er aus der alten Geschichte seines Landes eine neue Lehre gezogen hat. Die bisherige Erfahrung war, daß Rußland und die Sowjetunion ihre inneren Depressionen immer wieder in äußere Expansionen umsetzten. Defensive Zwecke hatten offensive Konsequenzen – darin lag das Erfolgsgeheimnis schon der Petersburger wie später der Moskauer Außenpolitik.

Großer Wurf