Das Bonner Sommerloch ist wieder einmal da. Zum Glück, denn worüber sollen die Hauptstadt-Journalisten sonst berichten, wenn es nichts zu berichten gibt. Jürgen Möllemann, seit jeher unübertreffbar im Ausnutzen informationsarmer Augenblicke, erspähte auch als Bildungsminister sofort seine Chance: Er brachte das Mittelstandsloch in die Schlagzeilen.

Darunter verstehen die Fachleute die Erfahrung, daß gerade Familien des mittleren Einkommensbereichs mit Kindern in der Ausbildung zu wenig in den Genuß staatlicher Ausbildungshilfen kommen. Mit Ausbildungsdarlehen und Bildungskrediten könnte, so Möllemanns Botschaft, das Problem angemessen gelöst werden – quasi als „Behelfsbrücke über das Mittelstandsloch“, wie sich das Handelsblatt ausdrückte.

Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) lief Sturm gegen derartige Bonner Vorstellungen zur „Deckung des Mittelstandslochs“. Die Bundesregierung, so formulierten die Studenten, müsse „erkennen, daß das Mittelstandsloch nicht vom Himmel gefallen ist“.

Wäre auch noch schöner, wo da bereits das Ozonloch klafft. Und darum sorgt sich schon der Europaabgeordnete Gerhard Schmid. „Das Ozonloch darf nicht im Sommerloch verschwinden“, warnte der SPD-Mann und eröffnete damit ungewöhnliche Perspektiven.

Auf ihre Weise kümmert sich die Bonner SPD um das Sommerloch: Sie besetzt es. An jedem Tag der vergangenen Woche boten die Sozialdemokraten eine Pressekonferenz nach dem Motto: „Das Koalitionstheater hat begonnen – wir Sozialdemokraten arbeiten.“

Als besonders emsiger Arbeiter tat sich dabei Wolfgang Roth, der wirtschaftspolitische Sprecher seiner Fraktion, hervor. Er gedachte des Amtsantritts von Martin Bangemann (FDP) im Wirtschaftsministerium vor ziemlich genau drei Jahren. Roths polemisches Fazit: „Dieser Wirtschaftsminister ist nicht wahrhaft interessiert an seiner Aufgabe.“

Das Echo war gewaltig. Bangemanns Sprechet Dieter Vogel hielt mit unsommerlichem Ernst gegen die „persönlichen Angriffe“ Roths: „Die Polemik des Abgeordneten Roth wird durch nichts belegt... Der Bundeswirtschaftsminister weist daher die Vorwürfe des Abgeordneten Roth als haltlos und ungerechtfertigt zurück.“ Immerhin hat der so gescholtene Roth eines erreicht: So vehement hat sich Vogel lange nicht für seinen jetzigen Chef ins Zeug gelegt.