Zwei Tage widmete sich Heimat Kohl in Peking den politischen Geschäften, dann brach er zum touristischen Teil seiner Reise auf: deutsch-chinesische Routine fünfzehn Jahre nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen.

Als „alten Freund Chinas“ begrüßte Ministerpräsident Zhao Ziyang den Kanzler in Pekings Großer Halle des Volkes. Bereits 1974, damals noch Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, besuchte Kohl die Volksrepublik. 1984 kehrte er als Bundeskanzler wieder. Peking habe sich gewaltig verändert, stellte Kohl nun fest – und lobte die Wirtschaftsreform und die Öffnungspolitik Chinas: „Überall ist eine große Entwicklung zu sehen.“

Nach dem Willen der Pragmatiker in der Pekinger Führung soll sich am vorsichtigen Kurs der Erneuerung trotz des Widerstands orthodoxer Marxisten auch nichts ändern. Gut ein halbes Jahr nach dem Sturz von Parteichef Hu Yaobang und der ideologischen Kampagne gegen eine „bürgerliche Liberalisierung“ versicherte Deng Xiaoping dem Kanzler, der Kongreß der Kommunistischen Partei im Oktober werde die Reformen bestätigen. Ministerpräsident Zhao Ziyang wird dann wohl formell an die Spitze der Partei gewählt. Zhao, bereits seit Januar in Personalunion amtierender ZK-Generalsekretär, hatte schon zuvor in einem Fernsehinterview angedeutet, er werde wohl nicht mehr lange Regierungschef bleiben.

Bei der Modernisierung ihrer Wirtschaft setzen die Chinesen auf den Ausbau der Kooperation mit den deutschen Unternehmen. Immerhin ist die Bundesrepublik nach Hongkong, Japan und den Vereinigten Staaten der viertgrößte Handelspartner der Volksrepublik. „Es gibt weder Konflikte noch Streitereien zwischen unseren beiden Ländern“, blickte Deng Xiaoping optimistisch in die Zukunft. Daher sei es „möglich, auf einer langfristigen Basis zusammenzuarbeiten“.

Tatsächlich ist der deutsch-chinesische Handel seit den siebziger Jahren sprunghaft angestiegen; im vergangenen Jahr erreichte er ein Volumen von 8,9 Milliarden Mark. Das gewaltige Handelsdefizit Chinas (3,5 Milliarden Mark 1986), setzt einer weiteren Steigerung der deutschen Exporte jedoch enge Grenzen. Der Devisenmangel hat bereits manches ehrgeizige Projekt gestoppt.

Recht karg war dann auch die wirtschaftliche Ausbeute der Kanzlervisite: Zwei Verträge und eine Absichtserklärung wurden unterzeichnet, Der dickste Brocken: Der Luft- und Raumfahrtkonzern MBB soll Teile eines Nachrichtensatelliten im Wert von 55 Millionen Mark liefern.

Bei Investitionen in China hält sich die deutsche Wirtschaft noch immer zurück. Von insgesamt rund 3000 Joint Ventures in China sind deutsche Firmen nur an 19 Gemeinschaftsunternehmen beteiligt. Kohl und Zhao kamen nun überein, eine Expertengruppe solle einmal im Jahr über neue Investitionsmöglichkeiten beraten.

Ärger gab es schon vor Beginn der Kanzlerreise über das touristische Begleitprogramm. Kohl hatte sich einen Ausflug nach Tibet gewünscht. Einen größeren Gefallen hätte er seinen Gastgebern kaum tun können, verspricht doch der erste Tibet-Besuch eines westlichen Regierungschefs Peking quasi die offizielle Anerkennung der von der Volksbefreiungsarmee 1950 auf dem „Dach der Welt“ geschaffenen Realitäten. Rund eine Million Tibeter sind nach dem Einmarsch chinesischer Truppen ums Leben gekommen; ein Volksaufstand wurde 1959 blutig niedergeschlagen; in der Kulturrevolution verwüsteten Maos Rote Garden Tibets Tempel und Klöster, malträtierten und mordeten sie Mönche und Priester. Proteste von Menschenrechtsorganisationen und die Bitte eines Abgesandten des im indischen Exil lebenden Dalai Lama, die Visite abzusagen vermochten den Kanzler nicht umzustimmen. Tibet dürfe kein „weißer Fleck“ auf der Landkarte bleiben, so Kohl. Er fahre nach Tibet, um sich ein eigenes Bild zu machen. M. N.