Von Elsemarie Maletzke

Auf Åland scheint immer Sonntag zu sein. Unter einem blaßblauen Himmel deutet nichts auf Geschäftigkeit, und alles ist in schönster Ordnung. Der Nordwind riffelt das Meer zu flüssigem Silber und quirlt um den Fahnenmast das rotgelbe Kreuz der kleinen Autonomie. Die Schärenbuckel glänzen wie gebohnert. Weiß leuchten die Fensterrahmen in den ochsenblutroten Holzhäusern. Schlüsselblumen und Birkengrün säumen die Auffahrt, und am Tor wartet eine grüßwillige Katze auf seltenen Besuch.

Es existieren sicher spannendere Gegenden als die Aland-Inseln zwischen Finnland und Schweden. Aber es gibt sicher nicht sehr viele, die in ihrer Luft so etwas Blankes und Funkelndes haben, wie vom ersten Schöpfungstag. Dazu kommen die Relikte einer großen Seefahrer-Vergangenheit. Im Hafen von Mariehamn liegt der würdige Viermaster „Pommern“; im Schiffahrtsmuseum am selben Ort reihen sich die Porträts der Åländer Reeder und die Galionsfiguren ihrer großen Segler mit den schönen Namen: „Herzogin Cecilie“, „Kylmore“, „Moshulu“. Wie war das Leben auf See doch so prächtig! Neben dem Kapitänssalon in Mahagoni und rotem Plüsch lehrt das Mannschaftslogis der „Helmi“ zu Platzangst neigenden Naturen das Gruseln.

Für die Entdeckung der Aland-Inseln sollte man sich viel, viel Zeit nehmen. Ein Fahrrad wäre gut oder ein Boot. Mit beidem läßt sich zu Wasser oder auf 800 Kilometern Landstraße vortrefflich inselhüpfen. Der Transport fürs Zweirad (und fürs Auto) ist sogar kostenlos.

Die Fähre von Långnäs nach Kökar legt unter-Wegs zweimal an: ein Betonpier zwischen Felsenschultern, ein wartender Kleinbus, ein roter Schuppen, eine weiße Telephonzelle. Ein blaues Schild: Överö. Darüber wirbeln die Seeschwalben im Kunstflug, schicke weiße Vögel mit schwarzen Kappen. Fast im Vorbeifahren klappt das Schiff seine Nase hoch, sammelt den Bus ein und legt wieder ab.

Nur hundert der 6500 Inseln in dem Schären-Gestreusel sind bewohnt. Die Hälfte der 23 000 Åländer lebt ohnehin in Mariehamn auf dem sogenannten „Festland“, das auch nicht viel mehr darstellt als den größten Buckel von allen. Stockholm liegt näher als Helsinki. Die Åländer, im 19. Jahrhundert als Kriegsbeute von Schweden an Rußland abgetreten, haben nach einigem Hin und Her 1921 einen autonomen Status erhalten, der sie politisch zwar an Finnland bindet, ihnen aber ihre schwedische Muttersprache und Kultur garantiert. Und eine demilitarisierte Zone als Heimat.

Auf Kökar mit seinen 300 Einwohnern gibt es nicht einmal einen Polizisten. Hier weiß jeder alles vom anderen – was nicht bedeutet, daß er es auch weitererzählt. Über Källskär liegt zum Beispiel ein Geheimnis, das die Leute von Kökar Fremden nicht verraten.