So steht es in den Lehrbüchern, so wurde es zum Allgemeingut (und so war es, im zweiten Teil des Wissenschaftsreports über das Gedächtnis, vor einigen Wochen auch im ZEITmagazin zu lesen): Der Mensch käme mit einer bestimmten Zahl von Nevenzellen auf die Welt, und im Unterschied zu den anderen Körperzellen vermehrten diese sich dann nicht nur nicht weiter – sie stürben langsam eine nach der anderen ab. Die Alterung: ein ständiger Schwund von unersetzbaren Nervenzellen. Vom ersten Schrei an gehe es sozusagen mit uns bergab.

Manche glaubten, den unausgesetzten Neuronenverlust sogar genau beziffern zu können. öfter als jede Sekunde gehe von Geburt an ein Neuron unserer Hirnrinde unwiederbringlich zugrunde, Tag für Tag nicht weniger als 100 000; das Gehirn eines Siebzigjährigen habe 20 Prozent von ihnen eingebüßt. Wer mochte sich da noch über die diversen geistigen Ausfallerscheinungen derjenigen wundern, die unser so überaus rücksichtsvoller Sprachgebrauch heute Senioren nennt?

Indessen, die Lehrmeinung scheint falsch zu sein. Das ans Licht gebracht zu haben, ist das Verdienst von Herbert Haug, Neuroanatom an der Medizinischen Universität Lübeck.

Aussagen wie „Stunde um Stunde sterben viertausend Neuronen“ täuschen ohnehin phantastische Beobachtungsmöglichkeiten vor, die schlechterdings nicht gegeben sind. Am lebenden Gehirn läßt sich dessen Feinaufbau nicht studieren, beim Menschen schon gar nicht. Es ist alles sehr unzugänglich und ungeheuer klein: In jeden einzelnen Kubikmillimeter seiner Masse sind etwa 40 000 Nervenzellen gepackt und auf intrikate Weise miteinander verbunden. Und selbst wenn sich solch ein Paket im einzelnen studieren ließe, wenn wundersame Methoden erlaubten, zum Beispiel eine Gruppe von tausend lebenden Neuronen fortgesetzt im Auge zu behalten, so müßte man bei der angenommenen Verlustrate auf der einen Seite und den etwa 15 Milliarden Neuronen auf der anderen, aus denen sich die Hirnrinde zusammensetzt, durchschnittlich fünf Monate warten, bis der Tod irgendeine von ihnen ereilt.

Alle Schätzungen und Berechnungen können darum nur eine Grundlage haben: Zählungen an toten, präparierten Gehirnen. Man bestimmt irgendein kleines Gehirngebiet, beschafft sich Präparate, zählt aus, wieviele Zellen eine gegebene Flächeneinheit enthält, rechnet dies ins Räumliche um und vergleicht schließlich möglichst viele solcher Zählungen an Gehirnen verschiedenen Alters. Gehen mit zunehmendem Alter Zellen verloren, so wird die nämliche Fläche bei älteren verloren, dünner besiedelt sein.

Die Neuronenschwund-Theorie geht im wesentlichen zurück auf den amerikanischen Anatomen Harold Brody. Er hatte 1955 elf verschiedene Areale in 20 toten Gehirnen ausgezählt und dabei dies festgestellt: Fast überall kommen mit dem Alter Neuronen abhanden – die ausgezählten Flächen eines 95jährigen Gehirns enthielten teilweise kaum noch ein Drittel der Menge, die das Gehirn eines Neugeborenen enthalten hatte. Die einzelnen Bezirke waren von dem Schwund verschieden stark betroffen.

Hatte Brody sich verzählt? Keineswegs. Aber seine Arbeit hatte methodische Mängel. Zum einen sind die individuellen Unterschiede erheblich. So enthält die Hirnrinde meist zwischen 14 und 15 Milliarden Neuronen. Es gibt aber einige wenige, bei denen sie nur 10 Milliarden hat, und einige wenige andere, die haben 20. Wer zu aussagekräftigen Zahlen gelangen will, kommt also nicht umhin, sehr viele Einzelfälle zugrunde zu legen. Tatsächlich hatte Brody nur jeweils ein einziges Gehirn zur Verfügung gestanden, um die beiden Extreme zu bestimmen, die Neuronenzahl bei Neugeborenen und bei 95jährigen.

Dem anderen Mangel sind Haug und seine Mitarbeiter auf die Spur gekommen: Der Untersuchungsprozeß selbst hatte das Ergebnis verfälscht. Das tote Gehirngewebe unter dem Mikroskop des Neuroanatomen ist trotz aller Sorgfalt nicht mehr identisch mit dem lebenden Gehirn. Die Sektion ist beim Menschen erst Stunden nach dem Tod möglich. Dann wird Gewebe entnommen, mit einer Chemikalie vor der schnell fortschreitenden Zersetzung geschützt („Fixierung“), darauf mit einer anderen Chemikalie gehärtet, so daß es sich in die für die mikroskopische Untersuchung benötigten hauchfeinen Scheiben schneiden läßt („Einbettung“), dann geschnitten und schließlich noch eingefärbt, und erst jetzt kann die Zählung beginnen. In der Zwischenzeit könnte der Probe manches zugestoßen sein; mit Sicherheit aber ist einiges von jenem Stoff verschwunden, aus dem der Menschenkörper vorwiegend besteht: Wasser.

Verschwindet Wasser aus dem Gewebe, so schrumpft dieses. Schrumpft es, so rücken die einzelnen Zellen dichter zusammen. Das Ausmaß der Schrumpfung ist zum einen abhängig von den verwendeten Chemikalien. Zum andern aber ist es abhängig vom Alter. Wasser nämlich ist in jüngeren Gehirnen reichlicher enthalten als in älteren. Sie schrumpfen darum auch stärker, und die Zellen kommen dichter zu liegen. Ein 20jähriges Gehirn schrumpft 15 Prozent stärker als ein 75 jähriges; und auch wenn der Anatom richtig zählt, zählt er für Vergleichszwecke in dem jüngeren Gehirn doch 15 Prozent Nervenzellen zuviel beziehungsweise in dem älteren 15 Prozent zuwenig.

Von wesentlich mehr Messungen ausgehend und sowohl die Schrumpfung während der Präparation wie die allgemeine Zunahme der Körpergröße und mit ihr des Gehirngewichts einkalkulierend, kam Haug zu dem Ergebnis, daß die Zahl der Nervenzellen bis zum 60. Lebensjahr im Mittel gleich bleibt. Der stetige Neuronentod: ein wissenschaftliches Märchen. Erst jenseits der 65 beginnen Neuronen auszufallen, beginnt sich das Hirnvolumen merklich zu verringern, und zwar um 8 bis 10 Prozent bis zum 80. Lebenjahr.

Diesem Alterungsprozeß fallen die einzelnen Hirnbereiche allerdings in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlichen Lebensabschnitten anheim. Rindenbezirke, von denen aus die weichen, gleichmäßigen Bewegungen der Arme und Beine gesteuert werden, beginnen unter Umständen schon nach dem 25. Lebensjahr zu altern; in den Arealen, von denen aus das soziale Verhalten des Menschen kontrolliert wird, setzt der Verfall nach dem 65. Lebensjahr ein; und die für das Sehen zuständigen Gebiete altern so gut wie gar nicht.

Bedauerlicherweise heißt das noch nicht, das Gehirn bleibe zumindest bis zum 65. Lebensjahr unverändert jung. Andere, vorläufige Beobachtungen, die nicht nur der Menge der Zellen, sondern ihren fein verästelten Verknüpfungen untereinander galten, deuten darauf hin, daß durchaus altersbedingte Veränderungen stattfinden, nicht bei der Zahl der Neuronen und dem Hirnvolumen, wohl aber bei den Synapsen, jenen Kontaktstellen, über die hinweg die Neuronen miteinander kommunizieren. Mit zunehmendem Alter werden die Synapsen weniger. Und die Tätigkeit des Gehirns beruht ja nicht auf dem, was einzelne seiner Zellen tun oder lassen. Es könnte noch soviele davon geben: wenn sie keine elektrochemischen Signale aneinander weiterreichen, passiert gar nichts im Kopf. Alle geistige Tätigkeit beruht auf den Massenaktionen ganzer Neuronenverbände. Sie hängt von ihren Verbindungen ab und somit davon, welche Synapsen bestehen. Der Mensch kommt mit einem bestimmten Muster angeborener Synapsen auf die Welt. In den folgenden Jahren vermehrt sich ihre Zahl ganz nach den Lebenserfahrungen, denen er ausgesetzt ist, sehr stark – es entstehen in ungeheurer Zahl jene hübschen „dendritischen Bäume“, die man aus Abbildungen des Zentralnervensystems kennt und in deren variationsreichen organischen Formen unsere Fähigkeiten und Eigenheiten beschlossen liegen. Dann aber, so scheint es, beginnen diese Bäume zu zerfallen. Nur jene, die sich in ständigem Gebrauch befinden, bleiben bestehen.

Und in diesem Umstand entdeckt Herbert Haug denn doch einigen Trost. Wie sich auch in Tierexperimenten gezeigt habe: „Der Gebrauch von Hirnrindenverbindungen (trägt) zur Strukturerhaltung und damit auch zur Funktionserhaltung bei... Auch die Psychologie zeigt, daß alte Menschen, die ein gewisses Maß von Verantwortung tragen und in einer anregenden Umgebung leben, länger geistig fit bleiben als solche, die in einem wenig Bewegungsfreiheit gebenden Altersheim untergebracht sind.“

Wer sich geistig in Bewegung hält, altert langsamer; kein unerbittlicher Neuronentod ihn frühzeitig um seine Kontrollfunktion bringt. Die entscheidende Frage ist nun eine doppelte: Wird er von seinen Lebensumständen – „der Gesellschaft“ – aufs Abstellgleis geschoben? Und wenn nicht: Wie erhält er sich seine jugendliche Motivation, eine „anregende Umgebung“ zu suchen? Wie bewahrt er sich davor, daß diese altert?

Wo das eine Märchen in sich zusammenfällt, mag da die Nachbartheorie nicht gleich mitstürzen? Sie besagt: Alkohol ist ein Killer unserer Gehirnzellen. Gewiß gibt es keine Beweise für ihre populäre Form, die vorwurfsvolle Mahnadresse so manches Erziehungsberechtigten: „Wenn du noch ein Glas trinkst, richtest du wieder ein paar tausend Gehirnzellen zugrunde, und womit willst du dann noch denken?“ Es kann keinen Beweis dafür geben, weil niemand bisher die Wirkung einzelner Gläser Alkohol auf das lebende Gehirn studieren konnte.

Aber die Auswirkungen ständigen Alkoholkonsums sind durchaus studiert worden, so von dem Münchner Rechtsmediziner Manfred Schuck und dem Tübinger Hirnforscher Jürgen Pfeiffer. Das Ergebnis? Der chronische Alkoholiker, definiert als jemand, der tagein, tagaus mehr als 60 Gramm Äthylalkohol in sich hineinkippt, ruiniert nicht nur seine Leber und seinen Kreislauf, sondern auch Zellmembranen und schadet damit mittelbar seinen Hirnfunktionen. Der dauernde Alkoholmißbrauch wirkt auch unmittelbar toxisch auf das Gehirn. Er führt zu einer Atrophie besonders bei den synapsenreichen sogenannten Purkinjezellen des Kleinhirns, das vor allem für die Koordination der Muskelbewegungen und das Gleichgewicht zuständig ist, aber wohl auch zu erheblichen Zellenverlusten im Bereich der Hirnrinde und des Zwischenhirns. Wo dieser Schwund gemessen wurde, machte er zwischen 12 und 27 Prozent aus; dafür hatte sich die Zahl der sogenannten Gliazellen, die die Nervenzellen stützen, ernähren, voneinander isolieren, beträchtlich erhöht. Ehe eine Zelle stirbt, scheint der Alkohol sie unförmig aufzuschwemmen – Zeichen möglicherweise für eine Schädigung ihrer Membran.

Zunächst sind diese Atrophien reversibel: Hört der Trinker mit dem Trinken auf, so regeneriert sich das in Mitleidenschaft gezogene Hirngewebe. Aber wenn eine Nervenzelle einmal abgestorben ist, erweckt sie nichts mehr zum Leben, auch nicht die eisernste Abstinenz.