Von Heinz Blüthmann

Wann kommen wir endlich aus den negativen Schlagzeilen heraus?“ fragte sich der genervte Daimler-Benz-Vertriebsvorstand Hans-Jürgen Hinrichs vor Wochen. Die nicht abreißen wollenden Meldungen über den permanenten Streit im obersten Führungsgremium des größten deutschen Unternehmens fand nicht nur Hinrichs wenig passend zum fast makellosen Image der Automobile mit dem Stern auf dem Kühler.

Er hat lange, zu lange gedauert, aber jetzt ist er wohl ausgestanden – der Kampf um die Macht beim Stuttgarter Renommierunternehmen. Ein wenig rühmliches Kapitel von gut dreieinhalb Jahren, das bewegteste in der mehr als hundertjährigen Geschichte des ältesten Automobilherstellers der Welt, geht damit zu Ende.

Vieles ist an der Konzernspitze falsch gelaufen, und deshalb muß sich auch eine Menge ändern. Fest steht bisher aber nur zweierlei: Als Verlierer räumt Werner Breitschwerdt in den nächsten Wochen den Sessel des Vorstandsvorsitzenden, lange vor Ablauf seines Vertrags Ende 1988. Und nachrücken auf den begehrtesten Chefposten in der deutschen Industrie wird Edzard Reuter, schon lange der heimliche Lenker des Riesenkonzerns. Als Finanzvorstand stand Reuter der Anti-Breitschwerdt-Riege im Stuttgarter Management von Anfang vor.

Nach der unruhigen Breitschwerdt-Zeit kann nun eine – freilich kaum längere – Periode mit Reuter an der Spitze folgen. Mehr als fünf Jahre bleiben Reuter nicht bis zur Pensionsreife, denn erst im dritten Anlauf schafft er jetzt die Top-Position bei Daimler. Dies Ziel hat Reuter nie aus den Augen verloren, obwohl er nach außen stets loyal bis zur Selbstverleugnung zu allen drei Vorstandsvorsitzenden stand, unter denen er diente: Joachim Zahn, Gerhard Prinz und Werner Breitschwerdt. Doch zwischen dem kühlen, intelligenten Denker und brillanten Redner Reuter und dem ehrlichen, biederen Technikprofessor Breitschwerdt taten sich bei der praktischen Führungsarbeit tiefe sachliche Abgründe auf. Reuter war sicher nicht dagegen, daß Breitschwerdt nun vorzeitig den Hut nimmt.

Die unproduktive Kontrastellung im Vorstand des ertragstärksten deutschen Unternehmens war im Herbst 1983 entstanden. Damals erlag der allseits anerkannte Vorstandschef Gerhard Prinz im Alter von 54 Jahren im Keller seines Hauses auf dem Heimtrainer einem Herzanfall. Wer sollte Nachfolger werden? Prinz hatte selbst noch keinen aufgebaut.

Von der unternehmerischen Potenz kamen nur zwei in Frage: Finanzchef Edzard Reuter und Produktionschef Werner Niefer. Doch Wilfried Guth, damals Sprecher der Deutschen Bank und allmächtiger Aufsichtsratschef bei Daimler, hatte gegen beide Vorbehalte. Gegen Niefer, damals immerhin mit einem Doktorhut ehrenhalber, später sogar mit einem Professorentitel ausgerüstet, argumentierte Guth, daß der nur die Volksschule besucht hatte. Und Reuter fand der Bankier unakzeptabel an der Spitze eines der feinsten deutschen Industrieunternehmen, weil er eingeschriebenes Mitglied der SPD war und ist.