Von Werner Weidenfeld

Deutschland hat Hochkonjunktur. Diese Feststellung trifft zumindest für den Buchmarkt zu, der seit geraumer Zeit mit Literatur über Deutschland geradezu überschwemmt wird. Wer zunächst dachte, Anfang der 80er Jahre werde lediglich ein gewisser Nachholbedarf in Sachen nüchterner Selbstreflexion der Deutschen befriedigt, sieht sich inzwischen eines Besseren belehrt. Nicht um ein kurzes Aufflackern des Autoren- und Leserinteresses handelt es sich, nicht um ein augenblicksorientiertes Aufheizen des Buchmarktes, sondern offenbar um einen langfristigen und breiten Trend. Dahinter stehen zweifellos elementare Anfragen und Bedürfnisse:

Identitätsfragen und Orientierungsprobleme, Suche nach Standort und Perspektive. Ein Zeitalter, in dessen politischer Kultur die klar konturierten politischen Themenstellungen ausgehen und in dem die Lebenssachverhalte unspezifisch internationalisieren, wächst der Bedarf an Selbstvergewisserung. Der Blick auf das Spezifische der eigenen Umwelt, der eigenen Geschichte und Gegenwart soll den Verlust an Eigenart kompensieren.

Dieses Phänomen, das in jüngster Zeit in vielen modernen Gesellschaften anzutreffen ist, findet bei den Deutschen eine besonders geneigte Aufmerksamkeit. Hat doch bei ihnen die Frage nach sich selbst eine so intensive Kontinuität angenommen, wie sonst nirgendwo. Die literarischen Selbstbespiegelungen der Deutschen sind Legion. Manches, was da in den letzten Jahren produziert wurde, mag skurril und arg provinziell erscheinen, mag angestrengt problematisierend oder längst verstaubte Argumentationsfiguren aktualisierend wirken – aber weder intellektuelle Arroganz noch politische Gedankenlosigkeit werden den Verschiebungen und Verwerfungen im Gefüge kultureller Konstrukte gerecht, die alledem zugrunde liegen. Auch wenn es Mühe macht, so gilt es, sorgfältig zu analysieren, was an neuen Erkenntnissen, aber auch was an kruden Gedankenspielen und möglicherweise gefährlichen Ewiggestrigkeiten und den Neuerscheinungen zur Deutschen Frage aufzufinden ist.

Die Publikationen der letzten Zeit lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Konstellationsanalysen und Darstellungen geistiger Konstruktionen zur Deutschen Frage als Thema von Politik und Kultur. Der Kategorie „Konstellationsanalyse“ ist das Buch „Geteiltes Land – halbes Land“ zuzuordnen, in dem vier erfahrene Deutschlandbeobachter, die sinnigerweise jeweils aus den vier Siegermächten stammen, zu Wort kommen.

Eingeleitet wird der Band von einem glänzenden Essay aus der Feder Richard Löwenthals. Diese Einführung. ordnet die Deutsche Frage in ihren historischen Kontext, in ihre europäischen Verwebungen und ihre demokratiegeschichtliche Dimension ein. Weit ausholend in der europäischen Geschichte sind Löwenthals Darlegungen die Widerlegung jeder provinziell verengten Sicht und jedes nationalistisch pervertierten Zugangs zur Deutschen Frage. In der Geschichte der Modernisierung Europas wird die folgenschwere Zäsur deutlich, die Deutschland aus dem europäischen Kontext ausbrechen läßt, als im 19. Jahrhundert das Argument von der Überlegenheit der deutschen Kultur seine breite Ausstrahlung gewann:

„Es war ein verhängnisvoller Schritt zur Verleugnung der historischen Grundtatsache, daß die deutsche Kultur ein Teil der europäischen Kultur war – verhängnisvoll, weil er sich bei der Mehrheit der Deutschen um die Jahrhundertwende durchgesetzt hatte und im Ersten Weltkrieg zu gängiger Münze wurde. Es ist ein Teil der Tragik der neueren deutschen Geschichte, daß auch die Niederlage im Ersten Weltkrieg die Mehrheit der Deutschen nicht von der Notwendigkeit einer Rückkehr zu den europäischen Grundwerten und zur Annahme ihrer modernen demokratischen Formen überzeugt hat, und die Mehrheit der Sieger nicht von der Notwendigkeit, den Deutschen bei dieser Rückkehr zu helfen“.