Spycatcher: Ein ehemaliger Agent entzaubert den britischen Geheimdienst

Von Tom Bower

Der krönende Abschluß eines britischen Staatsschauspiels, das sowohl die Züge einer Farce als auch die einer Schmierenkomödie trägt, wird diese Woche in New York zelebriert. Dort erscheint ein in England seit Monaten mit größter Spannung erwartetes 637 Seiten starkes Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Spycatcher“, Agentenjäger. Sein Autor ist der ehemalige britische Geheimdienstagent Peter Wright, und seine Memoiren sind geeignet, die in der ganzen Welt durch James Bond-Filme und John le Carre-Romane geprägte glorreiche Aura des „Geheimdienstes Ihrer Majestät“ endgültig zu zerstören. Von einem „britischen Watergate“ ist gar die Rede, das weltweites Interesse erregt.

Seit Monaten hatte die britische Regierung altes darangesetzt, das Erscheinen des kompromittierenden Werkes in Großbritannien zu verhindern – bislang mit Erfolg. Im Auftrag von Premierministerin Margaret Thatcher wird am 27. Juli der ranghöchste britische Staatsanwalt noch einmal versuchen, Wrights Enthüllungen in Australien gerichtlich untersagen zu lassen.

Peter Wright ist heute 70 Jahre alt; ein verbitterter, kranker Mann, der sich nach Tasmanien zurückgezogen hat. Dreißig Jahre bekleidete Wright einen höheren Posten im MI 5, dem britischen Abwehrdienst. Sein Lebenswerk war es, kommunistische Spione in Großbritannien zu entlarven, und in seinem Buch gibt er zu, während seiner ganzen Tätigkeit in London „abgehört, eingebrochen und erpreßt“ zu haben.

Was seine Arbeit so widersprüchlich macht, sind die zahlreichen kriminellen Aktionen, die er nicht im Auftrag der britischen Regierung ausführte. Im Gegenteil. Wright behauptet, daß er und dreißig andere MI 5-Mitarbeiter Nachforschungen über hochrangige Politiker und die Regierung selbst angestellt haben.

Die Motive der britischen Premierministerin sind einfach: Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern ist es dem Geheimdienst Ihrer Majestät gelungen, sich seit seiner Gründung überall auf der Welt eine einzigartige Aura aus Effizienz und Ehrbarkeit zu verschaffen. Für ihn ist Wrights Buch nun wie die Büchse der Pandora, die seinen Ruf für immer zerstören kann. Wenn Wrights Darstellung nämlich stimmt, dann wurde der britische Geheimdienst von Homosexuellen geleitet, die von Kommunisten erpreßt wurden, welche wiederum die am besten gehüteten Geheimnisse des Westens an Moskau weitergaben. Und schlimmer: Nach Wrights Schilderung wurde er auch von bedeutenden Kräften der britischen Gesellschaft benutzt, die sich den Sturz eines Premierministers als Ziel gesetzt hatten.