DIE ZEIT: Herr Greno, bisher ist über Ihren jungen Verlag fast nur mit den Schalmeien des Lobes gejubelt worden. Jetzt müssen Sie andere Töne hören. Ihre Kritiker triumphieren. Unüberhörbar auch das Händereiben der Manager in den alteingeführten Verlagshäusern, die immer schon gesagt haben, das gehe nicht gut, was der Greno in Nördlingen da mache. Ist Ihr so rasch groß gewordener Verlag in Geldnot geraten?

FRANZ GRENO: Nein. Mit Geld hatten die Schwierigkeiten fast gar nichts zu tun, sondern mit betriebswirtschaftlichen Gesetzen, die wir glaubten – angesichts unseres Erfolges – vernachlässigen zu können. Was wir in fünf Jahren erreichen wollten, hatten wir in zwei Jahren schon geschafft – und sind leichtsinnig geworden.

Wann haben Sie gemerkt, daß etwas nicht mehr stimmt?

Gemerkt haben wir es vor zweieinhalb Jahren schon, also gleich beim Erscheinen des ersten Bandes der „Anderen Bibliothek“, als der Verlag gerade um einen Platz in den Buchhandlungen, bei den Lesern und neben anderen Verlagen gekämpft hat. Das ist heute unvergleichlich schwerer als vor zwanzig Jahren. Damals mußten kleine Verlage nicht gegen ein unglaublich großes Freizeitangebot und gegen ein unwahrscheinlich vertrocknetes Lese-Verhalten ankämpfen – noch dazu, wenn ein kleiner Verlag so verrückt ist und sagt: wir wollen Buchdruck und nicht Photo-Satz, wir wollen nicht kitschige Umschläge und billige Bindung, sondern bestimmte Ausstattungsmerkmale, die in der modernen betriebswirtschaftlichen Konzeption eigentlich gar keine Rolle mehr spielen. Wir haben uns bewußt antizyklisch verhalten.

Aber der Preis, den wir bezahlen mußten, ist auch antizyklisch, und den haben wir von Anfang an bezahlt. Aber das wollten wir im Rausch der Gründungsphase nicht wahrhaben. In der Anfangs-Phase, als der Verlag mit der „Anderen Bibliothek“ einen unglaublichen Erfolg hatte, als wir Auflagen zwischen 20 000 Exemplaren bei außerordentlich schwierigen Büchern hatten, gar 50 000 bei Enzensbergers „Wasserzeichen der Poesie“, hat solches Verleger-Glück alles andere übertüncht.

Deutlich zu sehen jedoch war für mich damals schon, daß nur durch Immer-Größer-Werden und eine Minimal-Umsatz-Größe von etwa 10 Millionen Mark der Verlag stabilisiert werden könnte. Aber war es das, was wir wollten? Unsere Ausgangsposition, wie sie sich deutlich manifestiert schon im Namen der ersten und wichtigsten Buchreihe, „Die Andere Bibliothek“, war doch ganz anders – eben nicht gerichtet auf Wettbewerb mit den Buchfabriken und deren Apparaten.

Jetzt, im Frühjahr, war dieser Entscheidung nicht mehr auszuweichen: entweder noch größer werden oder Besinnung auf unsere – bewußt kleinen – Anfänge und den Verlag wieder überschaubar machen. Als mir bewußt geworden ist, was ich gemacht, was ich falsch gemacht habe, habe ich gesagt: Stopp! Anhalten! Noch einmal mir und anderen klar machen: was wollen wir? Was sind unsere Intentionen und Aufgaben? Warum bist du angetreten? Um Goldhamster zu werden, der ich zum Teil ja schon war, der im Rad noch lief, und von außen schreien Menschen mit ganz unterschiedlichen Motivationen: Lauf, lauf, lauf, Hamster?