Von Manfred Schneider

An seinem 39. Geburtstag, im Februar 1571, zog sich Michel de Montaigne in die Turmbibliothek seines Schlosses zurück. Befreit von allen Amtspflichten im Parlament von Bordeaux, wollte er die verbleibenden Jahre seines Lebens nur noch dem geruhsamen Studium widmen. Und um diese Entscheidung, die er ganz nach dem Muster antiker Lebensweisheit getroffen hatte, unwiderruflich zu machen, ließ er sie mitsamt dem Datum in den Querbalken seines Turmzimmers einmeißeln. Cicero, Seneca, aber auch Petrarca hatten vorgelebt, daß man sich für die Exerzitien des Alters – Lesen und Schreiben – einen ruhigen Ort der Betrachtung einrichten sollte.

Montaignes Absicht mißlang. Weniger weil er später noch mehrfach aus seiner Abgeschiedenheit abberufen wurde (als Bürgermeister von Bordeaux, als Berater des späteren Königs Henri IV), sondern vielmehr war es die Lebhaftigkeit seines Geistes selbst, die den schönen Plan verwarf: „Wie ein entlaufener Hengst“, notierte Montaigne, mache sein Geist hundertmal mehr Plackereien, als er je für andere auf sich nahm; und heckte mir so viel Fabelwesen und phantastische Ungeheuer aus, eins übers andere, ohne alle Ordnung und Zusammenhang, daß ich, um sie in ihrer Verschrobenheit und Wunderlichkeit in aller Ruhe betrachten zu können, über sie Register zu führen begonnen habe.“

Dieses Register liegt der Nachwelt als Schriftzeugnis einer wahrhaft unbezwinglichen geistigen Unruhe und Beweglichkeit vor: Es sind die „Essais“, die Montaigne zunächst 158Q in zwei Teilen veröffentlichte; 1588 brachte er in der vierten Auflage zugleich einen dritten Teil heraus. Unsere heutigen (französischen) Ausgaben enthalten noch die Notizen, die Montaigne bis zu seinem Tod 1592 unablässig von den Rändern in den Text hineinwachsen ließ. Wer in den „Essais“ blättert, der braucht Buchstaben und Sätze nicht unter Staubschichten und Sedimenten fernster Vergangenheit hervorzukratzen; Montaigne spricht den Leser mit unverbrauchter Unmittelbarkeit an.

Dies spiegelt sich auch in Jean Starobinskis Montaigne-Buch wider. Es will selbst als Ergebnis einer nahezu dreißigjährigen Beschäftigung mit den „Essais“ gewürdigt sein. Starobinski ist Literaturprofessor in Genf und einer der großen Repräsentanten seines Faches, dessen Arbeiten exemplarisch sind in der Geduld und Beharrlichkeit, mit der sie die Texte der Überlieferung befragen. Mehrere seiner Bücher wurden inzwischen ins Deutsche übersetzt – seine einzigartige Rousseau-Studie „La transparence de l’obstacle“ blieb hierzulande bisher unbeachtet.

Starobinski verweist in seinem 1982 erschienenen „Montaigne“ selbst auf die Bezüge zu der älteren Arbeit über Rousseau. Beide Denker stehen ja beinahe als mythische Gründerfiguren am Horizont der modernen Literatur. Starobinski hat gezeigt, daß sich Rousseau trotz seiner Widersprüche, seiner Obsessionen, seines Facettenreichtums aus größerer Ferne an uns wendet als Montaigne. Was bei Rousseau Eifer, Programm, auch Attitüde ist, nämlich die volle Wahrheit des Subjekts aufs Papier zu bringen, das hat Montaigne mit schärfstem Bewußtsein schon getan. Er hat als erster die Paradoxie beurkundet, die nach langem Vergessen erst wieder in den Texten Prousts zu lesen sein sollte. Subjektivität findet lediglich dort Eingang in eine Schrift, wo unermüdlich die Vergeblichkeit ihrer Suche protokolliert wird.

Der französische Titel von Starobinskis Studie lautet: „Montaigne en mouvement Es scheint, als habe der Übersetzer, Hans-Horst Henschen, vor dem Bedeutungsreichtum dieses Titels resigniert, als er an dessen Stelle den Untertitel „Denken und Existenz“ setzte. Es ist der einzige Makel dieser sonst bewundernswerten Übersetzung. Eine wörtliche Übertragung wäre freilich ebenso abwegig wie es die gewählte Fassung ist, die Montaignes Einzigartigkeit zwei Formeln aus Philosophenschweiß und Kathederernst überantwortet.