Ich wohne unter einem Volk, das ein ziemlich ungestörtes Verhältnis zu seiner Résistance besitzt. Von hier aus gesehen, erscheint das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Widerstand sehr verwunderlich – ein neues deutsches Rätsel. Man kann verstehen, daß das Volk die am 21. Juli 1944 verbreitete Nachricht von dem Komplott einer kleinen Clique von Usurpatoren für wahr hielt. Daß es sich aber um einen Staatsstreich größeren Ausmaßes gehandelt hat, scheint auch heute noch nicht voll aufgenommen worden zu sein.

Es wäre eine Aufgabe der deutschen Geschichtsschreibung, der deutschen Historiker gewesen, die geistigen Hintergründe des 20. Juli entschiedener ihrer Betrachtung zu unterziehen. Statt dessen konstruiert man von einer überspezialisierten Konzeption aus eine Opposition und kommt zu dem Resultat, sie sei „konservativ-nationalistisch“ gewesen. Um es kurz zu machen: Am Ende ist das deutsche Volk so klug wie in der Nacht des 21. Juli 1944. Die Folge einer eindimensionalen Wissenschaftspraxis

Soviel ist heute gewiß: Das Ausland, das während des Krieges die deutsche Widerstandsbewegung nicht gerade verständnisvoll betrachtete, wundert sich und lächelt ob der Art, wie Deutsche diese ihre Epoche behandeln: Brave deutsche Junghistoriker!, die sich anstrengen, „das höchste sinnbildliche Ereignis ihrer Zeit“ (E. Zeller) mit Gewalt zu relativieren, ein entsprechendes französisches oder britisches Bemühen wäre unvorstellbar. Das Ausland lächelt über den deutschen Widerstand gegen den deutschen Widerstand.

Laurent Gspann

(Tarbes, Frankreich)