Von Ulrich Stock

Die Katastrophe von Herborn hat einen Schönheitsfehler: Sie war nicht ganz so katastrophal, wie die ersten Nachrichten uns glauben machten. Vier Menschen starben, nicht fünfzig. Die Differenz zwischen der Hochrechnung der Bild- Zeitung und dem amtlichen Endergebnis gibt Aufschluß über unsere Erwartungen.

Natürlich lassen sich Journalisten von den vermuteten Wünschen ihrer Zuschauer, Zuhörer, Leser leiten; Perspektive entsteht daraus. Dennoch müssen sie Realität vermitteln.

Die Bild-Zeitung beruft sich im Fall Herborn auf Agenturmeldungen. Hier ist Erstaunliches festzustellen. Selbst die auf Seriosität bedachte Deutsche Presse-Agentur hat im Feuerschein der Katastrophe die Fakten aus den Augen verloren. In der ersten Meldung am Dienstag der vergangenen Woche um 21.59 Uhr steht vorsichtig „möglicherweise Todesopfer“, in der zweiten Meldung um 22.32 Uhr „offenbar Todesopfer“. Noch vor Mitternacht, dem Redaktionsschluß einiger Massenblätter, kommt dann die Falschmeldung: „30 Tote“. Bei dieser Information ist als Quelle kein Polizeisprecher mehr angegeben wie zuvor; es scheint, die Agentur selbst stehe für die Zahl der Toten gerade. Um 23.48 Uhr, als diese Meldung über die Fernschreiber kam, konnte niemand wissen, ob es überhaupt Tote gegeben hatte.

Um halb eins in der Nacht gab es eine erste Pressekonferenz. Der Feuerwehr-Einsatzleiter sprach dort von „möglicherweise 30 bis 50 Vermißten“.

Wie kam dpa auf 30 Tote? Günther Voss von dpa-Frankfurt („Wir sind in diesem Fall der Ausgangspunkt allen Übels“) könnte antworten, will es aber nicht, solange die Fehlleistung intern nicht diskutiert worden sei. Fest steht: Die erste Leiche wurde um 1.48 Uhr geborgen, die zweite um 13.14 Uhr. Zwei Schwerverletzte starben Mittwoch nachmittag im Krankenhaus.

Das Mißverständnis bei dpa mag vom Fernsehen mitverursacht worden sein. In die laufende „Dallas“-Sendung im ersten Programm wurde um 22.09 Uhr ein Schriftzug eingeblendet, der die Anwohner der Westerwaldstraße und der Hauptstraße in Herborn vor Gasexplosionsgefahr warnte. Ganz Deutschland wußte da, daß in Herborn (wo liegt das?) die Hölle los sein mußte: wenn „Dallas“ unterbrochen wird!