Die Begeisterung der Amerikaner für Oliver North bringt den Kongreß in Verlegenheit

Von Ulrich Schiller

Washington, im Juli

Ollie North, for President!“ Autoaufkleber und Ansteckplaketten mit diesem Slogan sind Verkaufsschlager geworden; das Baseball-Stadion von Atlanta barst vor Jubel, als ein Flugzeug ein Spruchband mit dem gleichen Wortlaut durch den Himmel zog. In Kansas City formierte sich der allamerikanische Club „Ollie North for President“. Ahnungsschwer schreibt der Kolumnist David Broder, der seinen Zeitgenossen schon oft zutreffend den Puls gefühlt hat: „Wenn der Oberst ein akkurates Symbol dafür ist, wo diese Nation heute steht, dann sagt er uns eine Menge darüber, was für einen Präsidenten wir wahrscheinlich nächstes Jahr wählen werden.“ Die emotionale Überzeugungskraft des Kandidaten werde entscheidend sein, so sagt Broder voraus, nicht die erschöpfende Erklärung eines schlüssigen Regierungsprogramms.

Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Paul Simon, der mit Blick auf den beklagenswerten Zustand der Wirtschaft und der öffentlichen Einrichtungen genau dies zu tun versucht, wurde auf einem kommunalpolitischen Konvent ausgebuht und niedergeschrien, als er sagte: „Oberstleutnant North ist kein amerikanischer Held. Niemand verdient den Rang eines Helden, der zugibt, gelogen, getäuscht und Beweismaterial vernichtet zu haben. Er hat die Gesetze des Landes verletzt, die hochzuhalten er geschworen hat.“ Auf einer Strategiekonferenz der Jungrepublikaner in Seattle kam keiner der republikanischen Präsidentschaftsbewerber daran vorbei, Oliver North seinen Tribut zu zollen, selbst wenn es einer von ihnen gewollt hätte. Und das ist sehr fraglich.

Der Blick auf die nächsten Präsidentschaftswahlen mag verfrüht sein, das strahlende Bild des Oliver North kann im Lande des steten Wandels auch rasch wieder verblassen. Aber für den Zustandsbefund der Vereinigten Staaten ein Jahr vor den Wahlen ist die Wirkung, die von einer Selbstdarstellung des ehemaligen Mitarbeiters im Nationalen Sicherheitsrat ausgeht, so aufschlußreich und wichtig wie das, was er selbst zur Aufklärung des Iran-Contra-Skandals beigetragen hat. Für Nichtamerikaner ist das eine so besorgniserregend wie das andere. „Seit der triumphalen Heimkehr des Generals MacArthur 1951, nachdem ihn Präsident Truman wegen Insubordination seines Kommandos im Korea-Krieg enthoben hatte, hat kein Offizier eine so dramatische Wirkung auf die Nation ausgeübt wie Oberstleutnant Oliver North“, schreibt Haynes Johnson in der Washington Post.

In den Anhörungen vor dem Untersuchungsausschuß hat sich dies manifestiert. Fünf Tage lang haben die beiden von Senat und Repräsentantenhaus beauftragten Anwälte Liman und Nields den Zeugen in ein zum Teil scharfes, auf alle Fälle scharfsinniges und erschöpfendes Verhör genommen und dabei auch eine Menge in der Öffentlichkeit bisher unbekannter Einzelheiten des Iran-Contra-Skandals zutage gefördert. Doch fast immer hat Oliver North, flankiert von seinem scharfzüngigen und geistesgegenwärtigen Anwalt Sullivan, selbst prekäre Situationen zu seinem Vorteil zu wenden vermocht. In jeder Phase verkörperte er eine Kombination von Eigenschaften, die für eine Mehrheit der Amerikaner offenbar unwiderstehlich ist: der bedingungslose Patriot, der ehrenhafte, tapfere (und daher ordensgeschmückte) Soldat, der harte Arbeiter – und all dies zusammengenommen in der Rolle des underdogs.