Von Dietrich Strothmann

Der Oberstleutnant plauderte munter aus dem Nähkästchen. Letztes Jahr, so der redselige Militär, hätten mit den Iranern geheime Beratungen über Möglichkeit und Unterstützung zum Sturz des irakischen Präsidenten stattgefunden. In Amerika, so scheint es, ist beinahe alles möglich. Denn jener Oberstleutnant heißt Oliver North, seine Geschichte trug er dem Kongreßausschuß vor, der ihn wegen der Iran-Contra-Affäre befragte. Er hatte, angeblich mit Wissen des Präsidenten, den dubiosen Waffenhandel mit Teheran eingefädelt und abgewickelt. Er hatte, angeblich ohne Wissen des zuständigen Außenministeriums, mit seinen neuen Geschäftspartnern auch die Beseitigung des irakischen Präsidenten erörtert.

Verrückte Welt: Jahrelang polterte Präsident Reagan bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit gegen die iranischen „Schurken“ – um sie dann insgeheim mit Kriegsgerät versorgen zu lassen. Jahrelang gaben die amerikanischen Strategen zu erkennen, daß ihnen die Iraker doch lieber sind als die Iraner – um sich klammheimlich an Vorbereitungen zum Sturz des irakischen Staatschefs zu beteiligen. Ist das nun Realpolitik made in USA, oder weiß in Washington manchmal die linke Hand nicht, was die rechte tut?

Ähnlich verwirrend Und ungereimt waren auch die politisch-strategischen Entscheidungen der Reagan-Administration in Sachen „Umflaggung“ und Geleitschutz kuwaitischer Tanker in den Golfgewässern. Die ersten Anfragen der Kuwaiter im Januar 1987 verschwanden in den Schubladen des Pentagon und des Außenamtes. Einleuchtende Begründung der Verweigerung: Weder sei die Ölversorgung der westlichen Welt durch gelegentliche Angriffe der Iraker und Iraner auf Tanker gefährdet, noch wollte sich die Großmacht Amerika in den „schmutzigen“ Krieg am Golf hineinziehen lassen. Dann aber fanden die Kuwaitis im Frühjahr bei den Sowjets Gehör, drei Tanker unter ihrer roten Hammer-und-Sichel-Fahne laufen zu lassen – welch schreckliche Gefahr plötzlich, durch die der Golf in ein „sowjetisches Meer“ (Caspar Weinberger) verwandelt würde?

Also drehten sich in Washington die Strategen eilig um 180 Grad und erklärten sich im vorigen Monat bereit, elf der 22 kuwaitischen Tanker zu übernehmen. Dann beschoß eine irakische Mirage irrtümlich die US-Fregatte „Stark“ mit zwei „Exocet“-Raketen – welche Gefahr plötzlich für die Sicherheit der unter amerikanischer Flagge und US-Kommando fahrenden Tanker? Also verfügten die Pentagon-Militärs die Aufstockung der im Golfstaat Bahrain stationierten Flotte um weitere drei Kriegsschiffe; ein Flugzeugträger und ein Schlachtschiff wurden zur Verstärkung vor die Golfeinfahrt beordert. Nun könnte der Krieg beginnen?

So jedenfalls begann in den letzten Jahren schon öfter die amerikanische Verwicklung in die Händel anderer, was dann häufig in einem Desaster endete – jüngstes Beispiel ist das blinde, sinnlose Eingreifen in den Libanon im Oktober 1983, bei dem über 240 US-Marines ihr Leben ließen. Schon damals standen iranische „Gotteskrieger“ hinter dem blutigen Anschlag.

Auch diesmal wollen die fanatischen Iraner den amerikanischen „Erzfeinden“ eine blutige Lektion erteilen. Wie gerade in den letzten Wochen maritime Revolutionsgardisten mit leichten Schnellbooten Tanker und Frachter unter Feuer nahmen, die in Richtung Kuwait oder Irak unterwegs waren, so drohten sie als Selbstmordkommandos auch den demnächst unter US-Flagge fahrenden Schiffen „Vergeltung“ an, Sie wollen die „Kriegserklärung der Amerikaner“ gegen Teheran, so der iranische Marinekommandeur Hassan Alai, jedenfalls angemessen, auf ihre Weise also, beantworten – wenn nicht direkt im Golf, dann andernorts, wo Amerikaner Dienst tun, in Europa etwa. Als Terroristen haben sie inzwischen Weltgeltung.