ARD, Montag, 20. Juli, 21.05 Uhr: "Chef des Generalstabes oder Tod auf dem Schafott". Stationen im Leben des Henning von Tresckow, DDR-Fernsehfilm (1986); Regie: Ulrich Treschner.

Daß er entweder Chef des Generalstabes werde oder als Rebell auf dem Schafott ende, das wurde dem jungen Gardeoffizier Henning von Tresckow von seinen Vorgesetzten prophezeit. Als fröhlichen Vater, der gern mit den Kindern spielte, beschreibt ihn seine Tochter Uta von Aretin; er sei ein besonders empfindsamer Mensch gewesen. Nachdem er der "nationalen Erhebung" der Nationalsozialisten zunächst wohlwollend gegenüberstand, ließen ihn der Röhm-Putsch und die "Reichskristallnacht" zu einem entschiedenen Gegner Hitlers werden.

Als 1. Generalstabsoffizier beim Oberkommando der Heeresgruppe Mitte versuchte er während des Rußlandfeldzuges mit allen Mitteln, den berüchtigten Kommissarbefehl, die Erschießung kriegsgefangener sowjetischer Polit-Offiziere, zu umgehen. Als Hitler im März 1943 in Tresckows Hauptquartier an die Ostfront kam, installierte er in dessen Flugzeug eine Zeitzünderbombe, die jedoch nicht detonierte. Einen Tag nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, an dem er nicht direkt beteiligt war, beging Tresckow Selbstmord, wobei er einen Partisanenangriff vortäuschte.

Die Biographie dieses Mannes weckt Fragen, deren Beantwortung einem spannenden Szenarium Stoff geboten hätte. Welche Kämpfe muß der Sohn eines preußischen Offiziers mit sich ausgefochten haben, bevor er sich zum "Tyrannenmord" entschloß? Wie ist er damit fertig geworden, daß viele seiner Kameraden seine Umsturzpläne zurückwiesen? Wie weit war er an der Vorbereitung des 20. Julis beteiligt, und war es wirklich nur die Angst, in der Folter Mitwisser zu verraten, die ihn zum Selbstmord trieb?

Im Film des DDR-Fernsehens bleiben diese Fragen offen, wie überhaupt die Person dieses Gewissenhaften, dieses Preußen im allerbesten Sinne nur in recht groben Strichen umrissen wird. Der nur dreiviertelstündige Film zeichnet ein Heldenporträt, das in seiner Eindimensionalität keinen sehr nachhaltigen Eindruck hinterläßt. Henning von Tresckow wird eingemeindet in die Reihe DDR-offizieller antifaschistischer Widerstandskämpfer. Der Satz "Tresckow ist unser" scheint über diesem Film zu stehen, ein neues Stück "Erbeaneignung" ist geleistet. Und es geschieht auf dieselbe oberflächliche Art wie die Ausgrenzung dieses Erbes nur wenige Jahre zuvor als "mißlungener Putschversuch führender Kreise der deutschen Monopolbourgeoisie und des reaktionären Militärs mit der Zielstellung, ... die Machtpositionen des deutschen Imperialismus zu retten".

Dennoch: Der Film hat einen herzlieben, einen versöhnlichen Ton, um so mehr für den, der die unversöhnlichen Töne noch im Ohr hat. Wenn der Kommentator davon spricht, daß man einen Gesprächspartner "in Mainz" aufgesucht habe ohne den sonst obligatorischen Zusatz, daß dies eine Stadt in der "BRD" sei, wenn sich der Interviewer höflich, fast kleinlaut den gräflichen Zeitzeugen nähert, ohne eine Spur der sonst gewohnten Abschätzigkeit, wenn man über Tresckow und den "Kommissarbefehl" den Satz hört: "Er konnte es nicht verhindem", statt der sonst üblichen pauschalen Schuldzuweisungen an die Wehrmacht, dann kommt man aus einem leisen Staunen nicht mehr heraus. Ja, da ist ein neuer Ton, da ist der zaghafte Versuch, der eigenen Geschichte als deutscher Geschichte näher zu kommen. Ein DDR-Fernseh-Redakteur mit einem Philipp Freiherr von Boeselager so ohne Ressentiments im Gespräch: Was für ein Bild!

Martin Ahrends