ARD, Mittwoch, 8. Jul: „Ein deutsches Schicksal: Kaplan Josef Rossaint“

Er wurde 1902 geboren und hat den Ersten Weltkrieg erlebt. Das reichte für die Konsequenz: Nie wieder, und ein langes Leben hat er sich daran gehalten. Heute ist er 84 Jahre alt. Während der Nazi-Zeit hat er im Zuchthaus gesessen; daß er mit dem Leben davonkam, nennt er „Dusel“. In der Bundesrepublik erhielt er keine neue Pfarre, er galt als unzuverlässig, denn zu seinen Bundesgenossen von einst hatten Kommunisten gehört, und er mochte mit denen nicht brechen. Für eine lebenslange Opposition hat er gezahlt, in zwei deutschen Staaten, im Nazi-Reich und in der Bundesrepublik. Für weniger war sie nicht zu haben, die praktische Gestalt seines „Nie wieder“. „Man kann nicht sagen“, findet er, „weil ich am Ende doch nichts erreiche, tue ich gar nichts. Das kann man nicht.“

Der Kaplan Josef Rossaint ist ein schlichter, freundlicher Mann, der solche Sätze langsam und ein wenig verwundert in die Kamera spricht. Die ARD brachte sein Portrait aus Anlaß eines Gedenkens: Vor 50 Jahren erregte der sogenannte Katholikenprozeß Presse und Volk, Rossaint war einer der Beschuldigten. Er hatte sich versucht als Alchimist des Widerstands. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, daß der Versuch, den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, die Zusammenarbeit mit Kommunisten – nein, nicht rechtfertigte, sondern erforderte. Und auf die Frage des Filmautors Wilfried Viebahn, ob es denn nicht auch manches Trennende zwischen ihm als katholischem Theologen und dem Stalinismus gegeben habe, schnaubt er nur, aber freundlich, und gibt zu verstehen, daß, wenn die Welt zu brennen drohe, man die Differenzen bezüglich ihrer Anschauung hintenanzustellen und sich zunächst dem Rettungswerk zuzuwenden habe. Der Auseinandersetzung könne man sich anschließend widmen. „Man kann doch nicht alles zur gleichen Zeit tun.“

Ob es wirklich so einfach ist mit der „Einheit“, mit der Durchsetzung dessen, was doch schließlich „alle wollen“, nämlich Verständigung und Frieden? Es ist das Verdienst dieses kleinen Films, einen alten Kaplan so vorgeführt zu haben, daß man glaubt, es könne in der Tat und in der Zukunft so einfach sein – so schwer es auch zu machen ist. Daß Kaplan Rossaint überlebt hat, ist „Dusel“ auch für die Jungen heute, die ihn hören und sehen können und so lernen, daß das „Nie wieder“ Anwälte gehabt hat, die das Nächstliegende taten, ohne große Worte.“

Josef Rossaint, seit 1961 Präsident der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes), war ein Erzieher und ein politischer Priester, ein Sozialarbeiter Gottes, der beherzt zu weltlichen Mitteln griff. Er setzte durch, daß seine Schutzbefohlenen im kirchlichen Jungmänner-Verein Fußball spielen durften, und er wählte zu Bundesgenossen im Kampf gegen Hitler auch die Gottlosen.

Als er nach dem Krieg nach Köln kommt und von Kardinal Frings empfangen wird, da stößt es ihn ab, daß der fromme Mann mitten in der zerstörten Stadt fürstlich wohnt. Und als der Kardinal ihm nahelegt, seine kommunistischen Freunde von einst zu vergessen, sagt Rossaint nein. „Das kann man nicht.“

Filme über deutsche Schicksale verweilen gern lange im Dritten Reich und schonen unsere Republik. So richtig „deutsch“ erscheint das Schicksal des Kaplans aber erst, wenn man den Katholikenprozeß von 1937 und den Konflikt Rossaints mit seiner Kirche in den fünfziger Jahren zusammen sieht. Hier machte es der Film ein bißchen sehr kurz. Nun gut, „man kann nicht alles zur gleichen Zeit tun“, aber man sollte das Dringende, Naheliegende zuerst tun. So könnte es Rossaint gesagt haben.

Barbara Sichtermann