Von Marianne Quoirin

Allenfalls einem Autor vom Range John le Carrés wäre die Geschichte von der „Spionin aus Liebe“ abgenommen worden. Jedem anderen hätte wohl ein Lektor das Manuskript um die Ohren geschlagen und dem Schreiber mehr Sinn für die Realitäten empfohlen. Denn solche Szenen aus dem Doppelleben einer früheren Chefsekretärin im Bundespräsidialamt, wie sie seit fünf Wochen der 4. Strafsenat des Oberlandesgerichtes Düsseldorf aufrollt, wirken einfach unglaublich. Da sträubt sich Margret Höke, die 15 Jahre lang Moskaus Geheimdienst KGB unschätzbare Dienste geleistet haben soll, heftig dagegen, an das begehrte Material überhaupt heranzukommen. Einer ihrer Chefs muß eine ihrer Kolleginnen bitten, „VS-vertrauliche“ und „VS-geheime“ Vermerke zu tippen, weil Margret Höke sich weigert. Da setzt sich die angebliche Top-Spionin in ihrem Vorzimmer lieber mit dem Rücken zur Tür, um den Blick ins Grüne zu genießen, anstatt allzeit auf mögliche Beobachter ihres heimlichen Nebengewerbes gefaßt zu sein.

„Sie hat sich nie geschützt“, sagt Horst-Dieter Maurer, von 1974 bis 1979 Verbindungsoffizier im Bundespräsidialamt und heute Angestellter einer Stiftung in Lissabon. Der Kapitän a. D. entwickelt als Zeuge seine Theorie, warum der KGB Margret Höke wohl kaum auf ihn angesetzt habe, und stellt der in Beurteilungen sonst so hochgelobten Sekretärin als Agentin ein Armutszeugnis aus: Ja, wenn sie wirklich gewollt und dazu die „geistige Auslegung“ gehabt habe, dann hätte sie wohl einen guten Einblick in die Arbeit des Bundessicherheitsrates und in die vertraulichen Informationen aus dem Verteidigungsministerium an den damaligen Bundespräsidenten Scheel haben können, aber sie sei ja nicht einmal „halbwegs professionell“ vorgegangen.

„Geheimsachen schrieb sie nur, wenn die Pflicht sie rief“, erinnert sich auch Ministerialrat a. D. Johannes Ottinger, einst Sicherheitsbeauftragter im Bundespräsidialamt, an die Hilfssachbearbeiterin für Geheimschutzsachen Höke (von Oktober 1969 bis März 1974). In Ottingers Abteilung wurde in jener Zeit der zivile Alarmplan überarbeitet, insbesondere der „Alarmkalender“, in dem alle Details der fünf Alarmstufen für das Bundespräsidialamt und des Umzugs der Behörde in den atombombensicheren Bunker Marienthal an der Ahr geregelt sind. Wie das Leben so spielt: Margret Höke saß offenbar an dem für den KGB interessantesten Platz im ganzen Amt, denn das Informationssystem mußte neu entwickelt werden, weil Monate zuvor eine Spionin namens Leonore Sütterlin den alten Plan nach Moskau verraten hatte.

Ist es Zufall, daß Margret Höke ihren Platz einnimmt? Die 51 Jahre alte Angeklagte, die aus einem Dorf bei Löhne mit 22 Jahren ins provinzielle Bonn kam und dort eine erstaunliche Karriere machte, sucht seit ihrer Verhaftung vor fast zwei Jahren selbst nach den Gründen für das, „was ich heute nicht begreifen kann“. Einen Erklärungsansatz fand sie im heillosen Verhältnis zu ihrer Mutter. Mit der Mama, die angeblich immer nur das Beste für ihr Kind wollte (Tanzstunde statt Weiterbildung; Heirat mit einem Beamten als höchstes Glück), aber sich in die sensible Tochter gar nicht hineinversetzen konnte, weiß der Vorsitzende Richter Klaus Wagner nichts anzufangen. „Die Mutter spielt eine viel zu große Rolle in diesem Prozeß“, moniert er einmal. Die Angeklagte korrigiert ihn: „... in meinem Leben.“

Margret Höke spricht stockend und selbstkritisch von ihren Befreiungsversuchen im Elternhaus und ihren Bonner Erfolgen: „Nach außen hin war alles wunderbar.“ Einmal habe sie eine Psychologin aufgesucht, um ihre Probleme mit Männern zu erforschen, aber dann nur über die Konflikte mit ihrer Mutter gesprochen. „Ich konnte keine wirkliche Beziehung herstellen“, sagt sie über ihre Beziehungen zu Männern und widerlegt die Legende von dem einsamen späten Mädchen, das plötzlich und unerfahren in die Hände eines amourösen Freibeuters gefallen ist. Der KGB-Führungsoffizier Franz Becker, dessen wahre Identität die bundesdeutschen Ermittler bis heute noch nicht kennen, verändert dennoch ihr Leben, er wird „zum Lebensverhältnis“. Als er sie am 2. Juli 1968 zielsicher „zufällig“ ansprach, verhielt sich das Opfer so, wie die Regisseure vom KGB es wollten.

Die Züge des Mannes, der die Gefühle seiner Geliebten offenbar mit der gleichen Präzision zu wecken wußte, mit der ein Akupunkteur die Nadeln ins Fleisch setzt, bleiben im Prozeß unklar. Die Angeklagte klagt ihn niemals an, macht ihm keine Vorwürfe, um sich selbst zu entlasten, sie schildert, wie sie sich einließ ins altertümliche Spionage-Handwerk mit Geheimschriften und der Kamera im Lippenstift, wie sie zu „Blind-Treffs“ ging und zu einem Kurier in Köln. Manchmal lächelt sie auf eine Frage, die schönere Erinnerungen zu wecken scheint, erzählt, wie sie in Erwartung eines Besuchs kurz zuvor Vertrauliches oder Geheimes im Amt zu ergattern suchte. „Er kam doch nur alle fünf Monate“, sagt der Richter. „Immerhin alle fünf Monate“, gibt sie trotzig zur Antwort, und all ihre Klagen über eine Schuppenflechte und ihre Gewissensqualen wegen des Lohns vom KGB und die gleichzeitige Auszeichnung mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik erscheinen plötzlich im diffusen Licht. Mit solchen Antworten gibt die unpolitische, eher konservative Sekretärin selbst ihrem Pflichtverteidiger Rätsel auf.