An der Mailänder Börse sind Anleger und Spekulanten seit einem halben Jahr wieder vorsichtig geworden. Italiens Aktienmarkt muß sich mit den Beschwerden herumschlagen, die der Boom von 1985 und 1986 hinterlassen hat. Die Kurse hatten sich 1985 verdoppelt und waren 1986 noch einmal um die Hälfte gestiegen. Jetzt sind sie nicht höher als vor Jahresfrist – und damit auf dem tiefsten Stand seit Januar.

Ein Grund für die Vorsicht der Anleger und Spekulanten ist die Innenpolitik. Mehrere Jahre lang regierte in Rom eine Koalition aus fünf Parteien und gab dem Land eine zwar relative, aber jahrzehntelang nicht erlebte, politische Stabilität. Nach zwei Regierungskrisen zerbrach das Bündnis in diesem Frühjahr. An der Börse wartete alles auf den Ausgang der vorgezogenen Neuwahlen vom 15. Juni. Doch das Wahlergebnis brachte nur geringe Veränderungen in der politischen Landschaft. Es hätte damit die Börse anregen können. Aber die Streitigkeiten zwischen den beiden größten Koalitionspartnern, Christdemokraten und Sozialisten, gehen weiter. Für eine Regierungsbildung ist noch kein Termin abzusehen. Das ist auch der Grund, weshalb an der Börse keine Unternehmungslust aufkommt. Im Gegenteil: Seit den Wahlen sind die Kurse um sechs Prozent zurückgegangen.

Es gibt aber noch weitere Schwierigkeiten. In den beiden vergangenen Jahren waren Anleger und Spekulanten derart vom Kaufrausch gepackt, daß kaum noch jemand auf solche Dinge wie Substanz- oder Ertragswert achtete. Es war so einfach, das Kapital zu erhöhen, Finanzgewinne zu erzielen, Gesellschaften zu teilen und zu verschachteln, daß zu viele clevere Finanzmanager mit den Milliarden jonglierten. Es genügte, ein paar Aktienpakete von einer Gesellschaft in die andere zu stecken, und schon gab es hohe Sondergewinne, wodurch die Gruppe eine neue Kapitalerhöhung anbieten konnte. Wenn dazu noch ein bekannter Name dahinterstand, stürzten sich die Sparer auf die Emission. Allein im Jahre 1986 stieg die Zahl der offiziell an der Mailänder Börse notierten Gesellschaften von 147 auf 184, die Zahl der notierten Titel von 214 auf 284, weil viele neue Emissionen aus Stamm-, Spar- und Vorzugsaktien bestanden. Auch in der ersten Jahreshälfte 1987 sind schon wieder sechzehn Gesellschaften mit 30 neuen Titeln hinzugekommen. Darunter befinden sich besonders viele Finanzgesellschaften. Nach wie vor machen aber nur sechs große Industrie- und Finanzgruppen weit mehr als drei Viertel des gesamten Börsenwertes aus.

In der Haussephase bestand die Fähigkeit der Finanzmanager darin, nicht zu große Bewertungsgewinne auszuweisen. Heute ist in Italien ihre Hauptaufgabe, Verluste verschwinden zu lassen. Nicht alle schaffen es. In Turin mußten die Brüder Canavesi ihr zu schnell gewachsenes mittleres Finanzimperium aufgeben. Nun sind einige Börsianer besorgt, es könnte auch einen der ganz großen Finanzkonzerne treffen, falls – was wahrscheinlich ist – die negative Phase noch länger anhält. Damit würde der Markt wieder gehörig aus dem Gleichgewicht geraten. Der Börsenhandel weiß, daß einige große Gruppen noch sehr intensiv damit beschäftigt sind, ihre prekäre Lage zu konsolidieren. Das braucht Zeit.

Auch wenn die Kurse vieler Aktien seit dem Boom erheblich gefallen sind, haben bisher nur wenige wieder ein Kurs-/Gewinnverhältnis erreicht, das sie im Vergleich zum deutschen Markt als langfristigen Anlagewert interessant erscheinen läßt. So bringen die Versicherungsaktien zwischen 0,5 und 1,0 Prozent Rendite, die Fiat-Stammaktie kommt auf 1,77 Prozent, obwohl sie im vergangenen halben Jahr um zehn Prozent gefallen ist und der Gewinn sich stark erhöht hat. Den Ertragsrekord hält die Buitoni-Sparaktie mit 13,7 Prozent – freilich nur auf den ersten Blick. Der Großaktionär Carlo De Benedetti genehmigte bei diesem Nahrungsmittelpapier eine Nachzahlung für die Verlustjahre 1984 und 1985. Zieht man diese ab, dann bleiben 4,5 Prozent.

Verhältnismäßig hoch ist die Rendite bei manchen Banken. So erreicht Banco di Roma, die zum staatlichen IRI-Konzern gehört, noch 5,7 Prozent, obwohl der Kurs seit Januar insgesamt um 22 Prozent gefallen ist. Von den Standardwerten der Industrie gaben in dieser Zeit die Stammaktien von Montedison um 17 Prozent, die von Olivetti um fünf Prozent nach, während sich Pirelli Spa hielt. Für Olivetti kündigte Präsident Carlo De Benedetti Rückschläge im USA-Geschäft mit Computern an. Fiat-Aktionäre müssen damit rechnen, daß der Wert ihrer Aktien noch eine Zeitlang stagniert. Der Kurs der Chemietitel von Edison war durch die Aufkäufe des neuen Großaktionärs Ferruzzi emporgeschnellt und neigt jetzt zur Konsolidierung nach unten.

Wer spekulieren will, hat dazu Gelegenheit mit Zement- und Verlagsaktien, denn einige Gruppen kämpfen in diesen Branchen um Macht und neuen Einfluß. Bei neuzugelassenen Aktien versprechen sich Anlageexperten von dem Modetitel Stefanel einen ähnlichen Höhenflug wie ihn der verwandte Textilwert Benetton hinter sich hat.