Eines Morgens waren sie da. Zwölf riesige Steine. Den Anwohnern von Oevelgönne gaben sie Rätsel auf, kaum daß sie vom städtischen Lastwagen heruntergehievt worden waren, Die am häufigsten geäußerte Vermutung: Hier müsse es sich um neue Steine für die Elbufer-Befestigung handeln.

Aber dann standen die Steine, hochaufgerichtet und stolz, im schmutzigen Sand der Elbe, standen da angesichts der vorbeifahrenden Container-Schiffe wie stumme Zeugen aus vorchristlicher Zeit. Und es sprach sich flugs herum: Das hier ist eine Kunstausstellung.

Die zwölf Skulpturen des sardischen Bildhauers Pinuccio Sciola waren schon in Duisburg, Leverkusen, Heidelberg, München und Saarbrücken ausgestellt gewesen. Jetzt standen sie also in Hamburg am Strand von Oevelgönne, Auge in Auge mit den Leuten von der Elbe. Und nun ging’s los.

Das sei doch viel zu gefährlich, sagten besorgte Mütter, die Steine könnten umfallen und Kinder begraben.

Was der Quatsch solle, fragten Spaziergänger von oben herab, an der Elbe gebe es doch schon genügend Steine, warum müsse man sie nun auch noch senkrecht stellen.

In der Ankündigung der Ausstellung hatte es bedeutungsvoll geheißen: dem Künstler sei es gelungen, in seinen an archaische Kult-Momente erinnernden Skulpturen eine faszinierende Symbiose von Natur, Altertum und Moderne herzustellen, die in ihrer Rückbesinnung auf eine megalithische Vergangenheit ihre Spuren in ganz Europa hinterließ.

Derartig Kompliziertes vermochten die einfachen Menschen von Oevelgönne in diesen Steinen nicht zu erkennen. Aber sie gewöhnten sich an die Steine, die im kalten Juni gekommen waren.