Man tut dem gerade ins Deutsche übersetzten kleinen Roman von Isaac B. Singer wohl kaum Unrecht, wenn man den „Büßer“ als Manifest einer reaktionären Geisteshaltung bezeichnet. Selten in diesen Jahren hat ein Autor sich so hemmungslos in seinen Ressentiments gegen die Lebensformen der eigenen Zeit gehen lassen. Mit alttestamentarischem Zorn läßt er wüten gegen die Literatur von heute, gegen Psychologie und Soziologie, gegen den zeitgenössischen Rechts-Begriff, die Medien und vor allem gegen das Verhältnis von Mann und Frau:

„In der weltlichen Literatur sind die Helden stets Hurenböcke und Übeltäter gewesen“.

„Die weltliche Justiz beschützt den Verbrecher und liefert ihm das Opfer auf Gnade und Ungnade aus“.

„Die Frau mit dem liederlichen Lebenswandel ist zur Gottheit Amerikas und des modernen Menschen in einem großen Teil der Welt geworden.“

Das Fazit kann da nicht überraschen: „Ich verabscheue die moderne Welt und alles, was kennzeichnend für sie ist – ihre Barbarei, ihre Zügellosigkeit, ihre verlogene Justiz“.

Es spricht für die Kraft des außerordentlichen Erzählers Singer, wie glaubwürdig er diese für sich gesehen widerwärtigen Positionen in einem Stück Literatur aufzuheben weiß. Singer läßt den „Büßer“ Joseph Shapiro seine Lebensgeschichte erzählen. Der erfolgreiche New Yorker Makler Shapiro hat sich in den sechziger Jahren von einem Tag auf den andern von seiner Ehefrau, seiner Geliebten, vom Geschäft und seinem Besitz getrennt und ist nach Israel gegangen.

Die Hoffnung allerdings, hier in der „Jüdischkeit“ persönlichen Halt zu finden, geht gründlich fehl. Das himmlische Jerusalem ist allzu irdisch geworden. Wie überall nur „Falschheit, Habgier und Eitelkeit“: Der Staat Israel ist nicht religiöser als Amerika oder Frankreich.“ Erst in Mea Schearim, bei den streng orthodoxen, dem Staat Israel feindlich gesonnenen Juden findet Joseph Shapiro seine Heimat wieder: die „Jüdischkeit meiner Großväter und Urgroßväter“.