Ada Louise Huxtable: „Zeit für Wolkenkratzer“

Mit untrüglichen Blicken mißt die amerikanische Architekturkritikerin Ada Louise Huxtable die hohen Türme (Archibook-Verlag, Berlin 1986; 144 S., 49,80 DM). Sie läßt sich nicht von glitzernden Fassaden blenden; der raffinierte Firlefanz, mit dem Architekten ihre wuchtigen Bauten drapieren, kann sie nicht täuschen. Ihr Urteil ist unbestechlich. Wolkenkratzer, meint sie, seien das „Wahrzeichen des Zeitalters“, in ihren hoch aufragenden Wänden spiegele sich das „Gesicht des Jahrhunderts“. Sie hat nicht die hundertjährige Geschichte des Bautypus’ geschrieben. Wenn sie die vier Stilphasen der Hochhausarchitektur kenntnisreich beschreibt, so will sie vielmehr den Untergang einer großen Idee beklagen: menschlicher Schaffensdrang – hier wohl die monumentalen Sehnsüchte der Architekten gepaart mit dem ungezügelten Geschäftsgeist der Bauherren – habe die modernen Wolkenkratzerstädte in Albtraum-Metropolen verwandelt. Hochhäuser sind nicht bloße Unterkunft. Die Autorin sieht in den vielgestalten Türmen soziale Symbole und urbane Superzeichen; sie seien „ein kraftvoller Pol mit einem großen magischen Feld“. Hier ist die res publica zur Demonstration von Macht und kapitaler Gier erstarrt Städte sind die Wohnzimmer der Gemeinschaft; die amerikanische Gesellschaft ist ein Parvenu, der sein Heim eitel und großkotzig schmückt. Ada Louise Huxtable kritisiert nicht das System. Sie hat jedoch die „Apokalypse der Städte“ vor Augen, sieht die „immer tieferen Wunden“, die „Frankensteins Türme“ schlagen. Die Stadt verwandelt sich in einen Marktplatz gebauter Sensationen; das Leben wird in ihnen unerträglich. Bestenfalls, so das Resümee, „geht die Architektur in einer Flut von Stilen für immer unter“. Joachim Riedl

Ralph Gätke: „Schöne Helden“

Ein Buchhändler oder Bibliothekar, der passionierter Leser ist und als solcher ein echter Vermittler zwischen Autor und Publikum – das ist leider ein aussterbender Typus: Im Strudel der jährlichen Bücherflut mutiert er zum Buchverkäufer oder computergestützten Buchverwalter. Um so erfreulicher, wenn von den Restexemplaren der Gattung „homo bibliothecaris“ sich einmal einer zu Wort meldet und zeigt, was „Lese-Empfehlungen“ leisten können. Noch erfreulicher, wenn diese Empfehlungen nicht dem subjektiven Zufallsprinzip entspringen, sondern aus ihnen beträchtlicher literaturanalytischer Verstand spricht. Das ist der Fall bei Ralph Gätke, Bibliothekar an der Oldenburger Universität. Seine gescheiten, locker geschriebenen Portraits (Bibliotheks- und Informationsdienst der Universität Oldenburg, 1986; 310 S., 8,– DM) stellen Autoren in Zusammenhang, die nur auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: Eckard Henscheid, Leonard Michaels, Robert Gernhardt, Anton £echov, Arno Schmidt, Italo Svevo, Daniil Charms, Flann O’Brien und Evelyn Waugh. Doch Gätke legt ihren gemeinsamen Nenner ebenso präzise (weil textsicher) wie anschaulich frei: Im Verzicht auf äußere Spannung, in der bewußten Simplizität ihrer Fabeln, in der Abwendung von der spektakulären Aktion, „die als Ausnahmezustände nichts über die Wirklichkeit einer Zeit aussagen“, wenden sie sich den Alltagsgeschehnissen zu, entdecken und entfalten die Exotik und Phantastik des Unscheinbaren, Banalen, nur scheinbar Trivialen. Gätke stellt seinen Analysen, die im Fall Henscheid und Gernhardt etwas hagiographisch ausfallen, Textproben der Autoren hintan. So ist sein Buch ein Fenster, das Blicke aufs weite Feld der Literatur freigibt, in dem man die schönsten Entdeckungen machen kann, sieht man nur hinaus. Klaus Modick

„Ostfriesische Ansichten“

Wer horizontsüchtig ist, mag Ostfriesland. Der Photograph Hans-Bruno Schmidt-Bergemann ist so einer. Mit seiner Kamera hat er sich das winterliche Land angesehen: kahle Bäume, einen einsamen Zaun und immer wieder Wege, Straßen und Gräben (die „Tiefe“), die erst am Horizont enden. Nicht der blankgefegte Postkarten-Himmel, sondern die zugezogene Wolkendecke liegt über seinen Landschaften. Schmidt-Bergemann hat auf jede Überinszenierung, jedes Pathos verzichtet. So entstanden surrealistisch anmutende und zugleich karge Schwarzweißbilder, deren Motive der Betrachter überall im Land wiederfinden kann. Leider verzichtet Schmidt-Bergemann auf den aufwendigeren Tiefdruck, so daß die Qualität der Reproduktion etwas gelitten hat. Das Buch ist im Eigenverlag von Hans-Bruno Schmidt-Bergemann (Neuer Weg 81, 2980 Norden), erschienen und kostet 39,80 DM. mb