Im Punjab eskaliert wieder die Gewalt. Nach neuen Massakern fanatischer Sikhs fordern immer mehr Hindus Vergeltung. Noch zögert die Regierung in Delhi, das Kriegsrecht über den Punjab zu verhängen.

Die in der vergangenen Woche von militanten Sikhs verübten Massaker an 76 hinduistischen Buspassagieren in Punjab und im Nachbarstaat Haryana haben erneut gezeigt, wie ohnmächtig die Regierung Rajiv Gandhi dem blutigen Fanatismus einer extremistischen Minderheit unter den Sikhs gegenübersteht.

Gemessen an den Metzeleien, denen nach dem Attentat auf Indira Gandhi landesweit 3000 Sikhs zum Opfer fielen, konnten bislang zwar die Racheaktionen gewalttätiger Hindus durch die Präsenz des Militärs und partiell verhängte Ausgangsverbote in Grenzen gehalten werden. Die Zeitbombe, auf der der Premierminister sitzt, tickt jedoch weiter – zumal die terroristischen Sikh-Fraktionen jedes harte Durchgreifen der Regierung stets mit neuen Greueltaten beantworten.

Rajiv Gandhi hat sich durch eine uneinsichtige Politik selbst den Weg zu einer friedlichen Lösung verbaut: Die 1985 getroffene Übereinkunft mit dem später ermordeten Führer der gemäßigten Akali-Dal-Partei, Harchan Singh Longowal, sollte eine „Ära der Vernunft“ in der Punjab-Politik einleiten. Auch Longowals Nachfolger, Surjit Singh Barnala, trat im September 1985 sein Amt als Ministerpräsident an, um zu versöhnen.

Doch die Regierung in Delhi handelte wider ihre proklamierte Friedensbereitschaft: Der zu mehr als 50 Prozent von Sikhs bevölkerte Punjab muß noch immer die Hauptstadt Chandigarh mit dem überwiegend hinduistischen Haryana teilen; trotz der unbestreitbaren Verdienste der Sikhs um die wirtschaftliche Blüte im heutigen Punjab wurde ihnen erst kürzlich ein Drittel der Wasserrechte an den heimischen Flüssen abgesprochen; statt der zwar schwachen^ aber immerhin auf Ausgleich bedachten Regierung Barnala den Rücken zu stärken (sie wehrte die Einmischungsversuche der radikalen Sikh-Priesterschaft erfolgreich ab), zwang der Premierminister sie abzudanken und unterstellte den Bundesstaat am 11. Mai dieses Jahres erneut der Zentralverwaltung Delhis.

Seitdem sterben in dieser Region mehr Menschen an den Folgen von Gewalttaten – doppelt so viele wie früher.

Gandhi übernahm 1984 ein schweres Erbe. Mit religiösen Fanatikern, für die demokratische Spielregeln ein Ausdruck von Schwäche sind und einzig die Mittel der Gewalt zählen, ist kaum ein politischer Kompromiß zu schließen. Andererseits trägt Gandhis stramm pro-hinduistische Politik maßgeblich zur Zuspitzung des Konflikts bei. Bleibt ihm als letzter Ausweg jetzt nur noch die Verhängung des Kriegsrechts – wie die rechte Opposition in Delhi fordert.

Regina Urban