Von Rainer Hupe

Der Tanker war noch sechzig Seemeilen von seinem Ziel im Norden des Persischen Golfs entfernt, als sich ein Kanonenboot näherte und plötzlich schoß. In zwei Salven feuerten die Angreifer aus dem Iran achtzehn Granaten ab. An Bord des Ölschiffes brach Feuer aus, das die Besatzung jedoch schnell löschen konnte. Der unter liberianischer Flagge fahrende Tanker war auf dem Wege nach Kuwait, um Öl für den amerikanischen Konzern Texaco zu laden.

Die Ölmärkte reagierten prompt auf den bislang letzten Zwischenfall. In den Vereinigten Staaten verlangten Händler für bestimmte Ölsorten, die im August geliefert werden sollen, am Freitag vergangener Woche mehr als 21 Dollar pro Barrel (159 Liter), den höchsten Preis seit neunzehn Monaten. In Europa reagierten die Märkte ähnlich. Schließlich liefern die Staaten am Persischen Golf (ohne Irak) jährlich 300 Millionen Tonnen Rohöl in alle Welt. Trotz des nun schon drei Jahre andauernden „Tankerkriegs“ passieren täglich noch immer zehn Tanker die Meerenge von Hormus in Richtung offene See. Sie liefern ein Sechstel des Öls, das die westlichen Industriestaaten im Jahr verbrauchen. Eine wichtige Quelle also.

Dennoch war die Reaktion der Händler, die, getrieben vom Erwerbssinn, wie Seismographen jede Erschütterung anzeigen, alles andere als dramatisch. Tatsächlich stiegen die Ölpreise nicht einmal um einen halben Dollar, als der Angriff auf den Tanker bekannt wurde. Von Nervosität keine Spur, eine dritte „Ölkrise“ erwartet offensichtlich niemand. Als 1973 etwa zehn Prozent des weltweiten Ölexports ausfielen, kam es zu Panikkäufen, Autoschlangen vor den Tankstellen und sogar einem zeitweisen Fahrverbot in der Bundesrepublik; die Preise stiegen auf das Dreifache. Sechs Jahre später reichten die Revolution im Iran, der als Ölexporteur ausfiel, und eine geringe Förderkürzung Saudi Arabiens, um die schärfste Krise der Weltwirtschaft nach dem Krieg auszulösen. „Wenn damals nur eine Gefahr drohte“, sagt der Sprecher eines Ölkonzerns, „dann gingen die Preise hoch. Jetzt schießen sie im Golf und fast nichts rührt sich.“

Mit gutem Grund. Denn so wichtig die Ölexporte der Golfstaaten für die Industrieländer sind, so viel haben sie von ihrer Bedeutung verloren. Und die Meerenge von Hormus, mit knapp 50 Kilometer Breite ohnehin selbst für Supertanker kein Nadelöhr, ist längst auch kein Engpaß mehr für die internationale Ölversorgung. Im Ernstfall könnten die meisten Exporteure der Region nämlich auf diesen Transportweg verzichten.

Zu Beginn des Krieges zwischen Iran und Irak war das noch ganz anders. Allein 1980 brachten Tanker auf diesem Wege 850 Millionen Tonnen in alle Welt, mehr als die Hälfte des international gehandelten Öls. Die Japaner waren fast vollständig abhängig von der Versorgung aus diesem Gebiet, Europa immerhin zu 70 Prozent. Mehr als 30 Schiffe dampften Tag für Tag ungehindert an der omanischen Halbinsel Mussandam vorbei in den Indischen Ozean. Das hat sich inzwischen geändert.

Tanker, die heute noch Ölhäfen im Persischen Golf anlaufen, fahren zumeist nachts, um Angriffen zu entgehen. Es ist eine gefährliche und deshalb auch teure Passage. Die Prämien, die Reedereien etwa bei der Londoner Versicherungsagentur Lloyd’s für Tanker bezahlen müssen, die in den Persischen Golf einlaufen, haben sich seit Beginn des Krieges verfünffacht. Ist Kuwait das Ziel, sind weitere Aufschläge bis zu 50 000 Dollar pro Tag fällig.